Malawi

Lilongwe – Lake Malawi – Kande Beach – Chitimba

Die Route durch Malawi Richtung Nordosten verlief lange Zeit parallel zum Lake Malawi, dem drittgrößten See Afrikas:

Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt, die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt. Es ist viel dichter besiedelt als Sambia, die Siedlungen sehen noch etwas ärmlicher aus. Gleich nach der Grenze sahen wir ein Krankenhaus, vor dessen Eingang viele Menschen im Schatten saßen. Hochschwangere Frauen kommen sehr weit aus den Dörfern hierher gelaufen, und warten vor dem Eingang bis zur Entbindung.

Die meisten Menschen leben hier das „simple life“ (einfaches Leben). Lebensmittel werden meist eigenständig auf kleinen Farmen produziert. Fleisch gibt es nur ganz selten, dafür Fisch aus dem Lake Malawi. Jemand berichtete, dass er eigentlich genug zu essen hat, aber manchmal eben tagelang nur seine eigenen Tomaten und Zwiebeln. Das hängt ihm dann so zum Hals heraus, dass er lieber gar nichts isst.

Viele Leute verdienen gar kein Geld. Die Straßenhändler fragen immer auch nach Dingen zum Tauschen: Kleidung, Schuhe, Handys usw. Anders gibt es für sie kaum eine Möglichkeit, an solche Dinge heranzukommen. Neben der eigenen kleinen Farm betreiben viele Leute noch Marihuanaplantagen in den Bergen. Das „Malawi Gold“ wird nach ganz Afrika exportiert. Eigentlich ist es natürlich verboten, wird aber anscheinend kaum kontrolliert. Und auch in Malawi sind die Chinesen aktiv. Wie ein Händler verriet, werden die meisten Holzschnitzereien auf den Märkten in chinesischen Fabriken hergestellt – aber nicht in China (der Import wäre viel zu teuer), sondern in Malawi selbst. Und für die Händler ist es günstiger, die Waren von dort zu bekommen, als sie selbst herzustellen.

So ärmlich das Land ist, so unglaublich freundlich und offen sind seine Menschen. Wir waren nur vier Tage im Land, sind aber sehr viel mit Leuten in Kontakt gekommen, meist über die Händler. Auch wenn man nichts kaufte, waren sie äußerst freundlich und liebenswert und haben sich sehr gern mit uns unterhalten. Klar wollen sie in erster Linie etwas verkaufen. Das ist aber vollkommen verständlich und in Ordnung, und trat durch ihre Art und Weise in den Hintergrund. Die Leute können nie in ihrem Leben verreisen und haben kaum Zugang zu Medien, deshalb freuen sie sich über jede Geschichte aus dem Rest der Welt. Der Kontakt mit Touristen ist oft die einzige Möglichkeit dazu. Man muss auf seine Sachen etwas aufpassen, ein Handtuch oder Flipflops können schonmal verschwunden sein, wenn man aus dem Wasser zurückkommt. Auch das ist aber alles verständlich in so einem Land und keineswegs unangenehm.

Nach einer kurzen Rundfahrt durch die Hauptstadt Lilongwe besuchten wir mal wieder einen Markt. Als ich nach kurzer Zeit mit dem Rundgang fertig war und auf einer Bank wartete, kamen zwei Männer vorbei und fingen sehr freundlich ein Gespräch an. Sie erzählten vom Bao Spiel, dem Nationalspiel Malawis, das früher im Schatten der Baobabbäume gespielt wurde und daher seinen Namen hat. Es ist einfach zu lernen und man kann sich wirklich gut die Zeit damit vertreiben. Für ca. 6 Euro konnte man auch eine kleine Version davon kaufen. Irgendwann holten die Jungs dann ihre Armbändchen raus, und fragten so beeindruckend freundlich, ob ich nicht eines kaufen möchte, dass ich gar nicht anders konnte (2 Dollar). Obwohl so etwas gar nicht meine Art ist, trage ich das Bändchen nun als Andenken für die Freundlichkeit der Malawis.

Am nächsten Tag ging es weiter zum Lake Malawi, in ein Camp direkt am Strand (Kande Beach). Dort hatten wir zwei Übernachtungen und einen wunderschönen Sonnenaufgang. Eine vorgelagerte kleine Insel und Berge am Rande der Bucht bilden die Kulisse. Die Wellen sind gleichzeitig abenteuerlich und friedlich. An einem Abend gab es Ziege am Spieß, deren Zubereitung über dem Feuer sechs Stunden dauerte.

Am späten Nachmittag machte ich mich zum Joggen am Strand auf, und gleich hatte ich Gesellschaft von Christopher. Er ist 22 und geht noch zur Schule/Uni, er studiert Englisch und Physik. Labore sind praktisch keine vorhanden, niemand hat einen wissenschaftlichen Taschenrechner. Aber vor allem seien die Lehrer unmotiviert und erklärten schlecht. Am anderen Ende des Strandes saßen seine Freunde, die sich freuten, als ich dazu kam. Ich spendierte eine Runde Bier und Cola von der Bar, wir unterhielten uns gut und spielten das Bao Spiel. Die Malawis geben sich oft lustige Namen: Dr. Who, Mr. Y, Mr. Firefly, Donald Duck, Cheese-on-Toast. Ein sehr freundlicher Straßenhändler war auch dabei, und am Ende konnte ich wieder nicht anders, als für 10 Dollar und 2 Unterhosen ein Bild zu kaufen. Am nächsten Tag lief gleich einer mit meiner alten Simpsons-Unterhose am Strand herum.

Irgendwann bemerkte ich, dass Christophers Bruder Stuart tatsächlich in einem zerfledderten Physikbuch (Stand ca. 10.-11. Klasse in Deutschland) liest. Erst da wurde mir klar, dass ich den Jungs ja noch etwas beibringen könnte. Also verabredeten wir uns am nächsten Tag zur Mathe- und Physikstunde am Strand. Als Thema fiel mir die Frage ein, in welchem Winkel man einen Stein werfen muss, damit er möglichst weit fliegt (45 Grad). Da kommen viele wichtige Themen zusammen und die vier Jungs waren unglaublich interessiert, vor allem daran, dass man die Richtigkeit der Antwort beweisen und verstehen kann. Danach erklärte ich ihnen noch Aufgaben aus ihrem Mathebuch, die der Lehrer ihnen nicht oder nur schlecht erklärt hatte, und erzählte von den alten griechischen Mathematikern und Philosophen. Dabei versuchte ich ihnen auch klarzumachen, wie wichtig es ist, nichts einfach nur zu glauben, bei allem immer wieder nachzufragen, und beim Lehrer so lange nicht lockerzulassen, bis er ein Thema gut erklärt. Dass in Deutschland sich das auch fast niemand traut und die allermeisten Schüler und Studenten viel weniger Enthusiasmus zeigen als sie, verriet ich ihnen nicht. Bei den Aufgaben wurde leider auch klar, dass sie das kleine Einmaleins nicht auswendig können. Nur mit vereinten Kräften kamen sie auf das Ergebnis von 6×6. Sie mussten mir versprechen, das Einmaleins so lange zu lernen, bis sie es im Schlaf können!

Am Ende schenkten sie mir zum Dank sehr leckere Mangos vom Baum ihrer Großmutter. Wir tauschten Nummern und Adressen aus, ihr Dorf ist nach dem Dorfvorsteher benannt. Sie sagten, dass sie mich niemals vergessen werden, und ich werde sie auch niemals vergessen. Auf jeden Fall werde ich ihnen bei der nächsten Gelegenheit richtige Taschenrechner zuschicken.

Das nächste Camp war weiter nördlich, wieder direkt am Strand des Lake Malawi. Dort fühlte ich mich in die 70er Jahre zurückversetzt. Alles sehr einfach in Holz und Bambus gehalten, kaum Touristen, Cola aus Glasflaschen im Stil längst vergangener Zeiten, die Barkeeper in Camouflage gekleidet auf Gäste wartend, alles (außer Internet) sehr günstig. Am Strand liegen in weiten Abständen kleine Fischerboote, die schönen Wellen plätschern vor sich hin. So saß ich dort mit meinem Ebook-Reader und las, als vier Jungs vorbeikamen. So etwas wie den Reader hatten sie noch nie gesehen: „It’s a book, it’s a book!“ Sie konnten es kaum fassen, dass es auch noch eine Tastatur auf dem Touchscreen gab. Jeder durfte seinen Namen schreiben. Dann hatte ich eine noch bessere Idee und holte das iPhone aus dem Bus. Das iPhone! Sie hatten davon gehört, aber noch nie eines gesehen. Schon als ich es anmachte und das helle Hintergrundbild mit der Uhrzeit aufleuchtete, hieß es nur noch „oh!, ah!, oh!“. Dann spielten wir mit der Kamera rum, ich zeigte Bilder von zu Hause, spielte ein Video und auch Musik (Dark Side of the Moon), der sie minutenlang ganz gebannt zuhörten. Immer wieder, immer lauter hieß es „oh!, oh!“. Der Höhepunkt war dann das Spiel Temple Run, mit viel Grafik und Tempo, bei dem sie nur noch jubelten.

Abends machte ich mir zum ersten Mal etwas Sorgen wegen der Hygiene. Man gibt dauernd jemandem die Hand und wird berührt, die vier Jungs vom Strand lagen zwischenzeitlich fast auf mir drauf. Handdesinfektionsgel hilft ein wenig, aber es gibt viele Bakterienherde, vor allem Geldbörse und Handy. So kam zum ersten Mal das Sagrotan zum Einsatz, und abends duschte ich ausgiebigst. Als ich ganz eingeseift war, fiel der Strom aus, und so stand ich in der engen Kabine unendlich lange Minuten rum und wartete im Dunkeln, kaum Möglichkeiten zur Flucht. Dies machte mir auch klar, dass es nicht einfach wäre, von hier schnell wieder nach Hause zu kommen, falls etwas wäre.

Das bringen diese Orte eben mit sich. Wäre es einfach, könnte es ja schon kein unberührter Ort mehr sein. Und mit der Hygiene passt es auch schon, man muss eben aufpassen und alles bewusst angehen. Oder um es mit den Malawis zu sagen: Hakuna Matata – no worries!

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3 Gedanken zu „Malawi

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