Indien – Teil 2: Bijapur und Gadag

Indien hat mich geschluckt. Und es war nicht einfach, da wieder herauszukommen.

Wie bin ich da nur hineingeraten? Der Reihe nach.

Von Aurangabad nach Bijapur ging es mit dem Bus, 5 Euro für 12 Stunden Fahrt. Die ersten Stunden war der Bus relativ leer, danach komplett überfüllt. Immer wieder sprachen mich Leute an und stellten die üblichen Fragen („Germany? Ah, Hitler!“ – „No, Merkel!“). Zwischendurch machten wir kurze Pausen an chaotischen Busbahnhöfen. Die Toiletten waren unter aller Kanone. Man konnte aber Essen und Trinken kaufen. Oft kamen die Verkäufer auch einfach in den Bus oder ans Busfenster. Bei der Ankunft am Abend war ich dann so richtig weichgekocht.

Bijapur ist eine fürchterliche Stadt, voller Autos, Lärm, Dreck und Gestank. Selbst die vom Reiseführer empfohlenen Restaurants waren schlimm. Die Kellner stellten sich so dusslig an, dass es mich richtig genervt hat. Mein Aufenthalt war auch hauptsächlich als Zwischenstation ins berühmte Hampi gedacht. Es gibt ein paar nette Moscheen, und als Highlight das riesige Mausoleum Golumbaz, mit der zweitgrößten Kuppel der Welt, nach dem Petersdom in Rom. Die Akustik dort oben ist toll, aber nur wenn keine indischen Schulklassen da sind, die unaufhörlich schreien. In der Stadt hatte ich nur einen einzigen anderen Touristen getroffen, einen älteren Italiener, der sich über das Chaos in der Stadt beschwerte. Ausgerechnet ein Italiener!

Das Sightseeing war am Ende ganz nett. Die Zugfahrkarte für den nächsten Tag nach Hampi hatte ich auch schon in der Tasche (2,30 Euro). Abends war ich dann schon auf dem Heimweg ins Hotel, da sprach mich zum x-ten Mal jemand an, ein Rollerfahrer, und fragte, ob ich aus Spanien komme. Dies habe ich nicht nur verneint, sondern gleich auch noch ganz freundlich erklärt, dass Spanier dunkle Haare haben und ich mit meiner Haarfarbe fast sicher aus Nordeuropa komme. Alles klar, danke schön, ciao. Dann lief ich weiter, und nach 100 Metern steht der Rollerfahrer wieder da. Er erklärte mir, dass er ein Mönch der Religion Ramakrishna sei (noch nie vorher gehört), und fragte mich, ob ich nicht mit in ihren Ashram kommen möchte (so etwas wie ein Kloster). Er würde mich später auch wieder ins Hotel bringen. Von Ashrams hatte ich schon gehört, man lebt dort mit den Mönchen zusammen, meditiert und macht Yoga. Manche Leute fahren nur wegen den Ashrams nach Indien. Also warum nicht.

Zu zweit auf dem Roller ging es dann durch den abenteuerlichen Feierabendverkehr von Bijapur. Im Ashram war nicht viel los, die Mönche waren alle sehr beschäftigt und dauernd am Telefonieren. Nach einem leckeren Chai-Tee wurde ich gefragt, ob ich nicht ein paar Tage an ihrer Schule Mathe und Physik unterrichten möchte. Die Schule mit ihren 700 Schülern ist keine Religionsschule oder so etwas, sondern eine ganz normale indische Dorfschule mit den Klassen 1-10, die von den Ramakrishnas finanziert und organisiert wird. Ich würde dann natürlich auch freie Kost und Logie bekommen. Nach kurzer Bedenkzeit, und nachdem ich auch noch kurz mit irgendjemand Wichtigem aus der Nachbarstadt telefonieren musste, den ich nur schwer verstehen konnte, stimmte ich zu. Drei Tage als Lehrer in einer indischen Schule, das kann man schon mal machen. Am nächsten Morgen ging es dann zusammen mit meinem ganzen Gepäck auf dem Roller ins Dorf Mangolie.

Die Schule war gut organisiert, alles war recht sauber. Insgesamt besuchten sie 700 Schüler, 70 Jungs übernachteten im benachbarten Internat. Die Klassen bestanden aus 30-40 Schülern, die die meiste Zeit Schuluniform trugen. Schule ist von Montag bis Samstag, der Tagesablauf der Internatsschüler ist nicht ohne. Aufstehen um 4:30 Uhr, dann Beten, Yoga und Waschen, und Frühstück um 8 Uhr. Um 9 Uhr geht der Unterricht los, mit vielen Pausen bis abends um 18:30 Uhr. Dann weiter im Programm bis um 21:30 Uhr! Damit können sie maximal nur 7 Stunden pro Tag schlafen.

Jungs und Mädchen sind bei vielem getrennt. Immer gehen die Jungs zuerst ins Klassenzimmer und verteilten sich auf den Plätzen der linken Seite. Erst wenn alle drin sind, gehen die Mädchen rein und verteilen sich auf der rechten Seite. Nach dem Ende der Stunde geht zuerst der Lehrer raus, dann zuerst alle Mädchen und schließlich die Jungs. Möchte ein Schüler etwas fragen, dann muss er oder sie aufstehen und erst nach der Erlaubnis des Lehrers darf man sprechen. Auch wenn ein Schüler z.B. Kreide holen muss, darf er erst nach Erlaubnis des Lehrers wieder den Raum betreten. Die Schüler sind für unterschiedlichste Aufgaben eingeteilt, wie Schulglocke läuten, Putzen und Feuerholz holen. Die Direktorin der Schule geht mit allen Beteiligten, auch den anderen Lehrern und den Köchinnen, sehr streng um. Alle haben ein bisschen Angst vor ihr. Zweimal habe ich gesehen, wie sie einen Schüler mit einem Stock verhauen hat.

Alle waren sehr freundlich zu mir und haben sich sehr gefreut, dass ich unterrichten möchte. Jeden Tag hatte ich jeweils 2 Schulstunden in einer 9. und einer 10. Klasse, wo ich jeweils die selben Themen besprochen hatte: Unendlichkeit, Periodensystem der Elemente, Atome und Astronomie. Hat ihnen wohl viel Spaß gemacht. Zwischendurch kamen auch Fragen, die mit dem Thema nichts zu tun hatten, wie nach dem Präsident von Deutschland, wie alt ich bin, ob es mir in Indien gefällt, usw. So habe ich dann irgendwann auch die Worte „Chancellor Angela Merkel“ an die Tafel geschrieben. Einfach unfassbar. Ich erklärte auch, was die Berliner Mauer war, und dass Hitler böse war. Haben sie eingesehen. Sie wollten auch unbedingt, dass ich die deutsche Nationalhymne singe, da konnte ich mich gerade so noch retten. Überhaupt war ich für die Schüler eine Attraktion. Sehr viele wollten mir die Hand schütteln und mit mir reden. Wenn ich über den Schulhof lief, hatte ich immer eine Traube von bis zu 30 Schülern um mich herum.

Zwischen den Schulstunden war ich meist auf meinem Zimmer und konnte lesen. Da ich in der Woche etwas kränkelte, hat das ganz gut gepasst. Regelmäßig brachten mir die Schüler frisches Wasser oder Tee. Mein Essen bekam ich in einer sehr großen Küche serviert. Die indischen Frauen fanden es sehr lustig mit mir. Sie sprachen kein Wort Englisch, und so verständigten wir uns mit Zeichensprache. Sie tischten mir so viel hervorragendes Essen auf, dass ich dachte, sie wollen mich bald schlachten und aufessen. Zum Glück sind hier alle Vegetarier.

Nach drei Tagen und einem längeren Abschied ging es zurück nach Bijapur in den Ashram, wo ich dann auch übernachtete. Am nächsten Tag sollte ich mich noch zum Mittagessen mit dem lokalen Religionsführer in der Stadt Gadag treffen, in einem weiteren Ramakrishna Ashram. Gadag liegt auf dem Weg nach Hampi, so dass es einigermaßen passte. Jedoch war es mir zu dem Zeitpunkt eigentlich schon zu viel, ich wollte einfach nur noch weiter nach Hampi. Nach vier Stunden Zugfahrt wurde ich vom Bahnhof abgeholt. Im Ashram wurde ich dem Chef vorgestellt, einem Mönch in orangenem Gewand, der sehr gut Englisch spricht und schon viel in der Welt unterwegs war. Beim Essen gab es dann Smalltalk über die Lage der Welt, Quantenphysik und deutsche Philosophen. Danach erklärte er mir noch die spirituellen Unterschiede zwischen Ramakrishna, Jesus und Buddha, das war wirklich interessant.

Eigentlich wollte ich nach dem Essen gleich wieder los. Das war aber unmöglich, dann am nächsten Tag hatten sie ein wichtiges Fest zu Ehren ihrer Heiligen Mutter, und da musste ich teilnehmen. Das hat mich schon ein wenig genervt. Aber es ging nicht anders. Es war extrem wichtig für sie, dass ich bleibe. Ein Mann meinte, dass noch nie ein Tourist zu ihnen gekommen wäre, und dass es ein Zeichen sei, dass ich ausgerechnet zum Fest der Heiligen Mutter komme. Deshalb würde mir bald auch etwas sehr gutes im Leben passieren. Da bin ich ja mal gespannt.

Im Ashram liefen die Vorbereitungen fürs Fest, alle waren sehr beschäftigt, viel Meditation und Spiritualität gabs nicht. Am nächsten Tag kamen dann ca. 500 Leute, viele lokale Geschäftsleute und Politiker. Ich wurde unzähligen Leuten vorgestellt.Jemand wollte mir seine Goldmine zeigen, ein anderer irgendeine Ausgrabungssätte, drei Leute wollten dass ich bei ihnen übernachte, und alle wollen mich natürlich bald in Deutschland besuchen. Das hat mich alles irgendwann überfordert. Es war nicht ganz leicht, höflich zu bleiben, und auf nette Art und Weise die natürlich sehr freundlich gemeinten Angebote abzulehnen.

Wie ich leider sagen muss, war auch das Fest sehr langweilig. Zuerst gab es ca. 2 Stunden lang Gesang und Gebet, danach noch eine Stunde Predigt vom Chef. Dann wurden die Frauen geehrt und gesegnet. Nun bestand ich darauf, nach dem Mittagessen zu gehen. Das war wirklich nicht leicht, aber zum Glück war der Hauptteil des Programms schon vorbei. Mehrfach boten sie mir eine Alternative an, wo ich in der Nähe noch hinkönnte und wo ich noch übernachten konnte, und immer wieder musste ich hart bleiben und absagen. Zum Abschied bekam ich 5 dicke Bücher geschenkt, alle für mich signiert. Um 16 Uhr saß ich endlich, endlich, endlich, endlich im Bus Richtung Hampi. Kurz nachdem der Bus losfuhr, kam wieder die Frage „Which country?“ („Aus welchem Land kommst Du?“). Da drehte ich meine Kopfhörer laut auf und setzte sie erst wieder nach der Ankunft ab.

Bitte nicht falsch verstehen. Die Leute sind alle sehr freundlich und meinen es nur gut. In ein paar Tagen werde ich um die Erfahrungen bestimmt sehr dankbar sein. Im Moment hat es mich einfach überfordert.

Noch eine lustige Anekdote. Ein junger Mönch, 19 Jahre alt, fragte mich zuerst etwas halbherzig über Deutschland aus. Dann wollte er mit meinem Handy ins Internet, um über Bilder aus Deutschland zu sehen. So gab ich ihm mein Handy und ging duschen. Nach 10 Minuten kam ich zurück, da surfte er gerade auf einer Pornoseite! Ach du meine Güte. Selbstverständlich habe ich keine solche Seite eingespeichert oder in meinem Browserverlauf stehen, er muss sie also aktiv angesteuert haben. Auf meine Frage, was er denn auf der Seite suche, gab es keine richtige Antwort. Aber kurz danach verschwand er, und kam mit einem Zettel zurück, wo geschrieben stand: „What is the meaning of the word sexy?“ („Was bedeutet das Wort sexy?“). Schnell stellte sich heraus, dass er gar nicht weiß, was Sex ist, und er bat mich, es ihm zu erklären. Hm. Ich fragte, ob er denn wüsste, auf welche Art und Weise Frauen schwanger werden. Nun, über den „Hintergrund“ dieser Angelegenheit hatte er sich noch keine Gedanken gemacht. Schließlich rief ich die Wikipedia Seite zu „Sex“ auf, und zum Glück gibt es da gleich eine Illustration zum Thema, die er anscheinend verstand. Dann fragte er, ob ich ihm ein Video zeigen könnte, was ich dann zum Anlass nahm, das Gespräch ganz dezent zu beenden. Nachdem ich ihm versprochen hatte, den anderen Mönchen nichts davon zu erzählen, war er für den Rest meines Besuchs mein bester Freund.

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2 Gedanken zu „Indien – Teil 2: Bijapur und Gadag

  1. Philip

    Mensch Martini, wenn du zurück bist, bist du ja schon ein halber Lehrer!! ..schon auf der ganzen Welt unterrichtet!!
    Haste jetzt eigentlich in Indien auch mal was „Scharfes“ gegessen??

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    1. Auf Achse Autor

      Es ist nicht so leicht etwas Scharfes zu bekommen. Immer mal wieder ist es gut gewürzt, aber bisher konnte ich alles problemlos essen. Die Köche sind auf die Gaumen der Touristen ganz gut eingestellt.

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