Indien – Teil 4: Mysore

Von Gokarna ging es mit dem Nachtbus nach Mysore. Die Fahrt dauerte 13 Stunden und war die Hölle. Der Fahrer fuhr wie ein Verrückter und war ständig am Überholen, so dass der Bus immer wieder stark von rechts nach links und zurück wankte. Dementsprechend wurde ich in meiner Schlafkabine, die nicht nur wegen des weißen Polsters an der Decke an einen Sarg erinnerte, immer wieder hin- und hergeschleudert. Wenn ein Überholmanöver mal schiefgehen sollte, wären alle Insassen tot. Man gibt hier sein Leben in die Hände von irgendwelchen Leuten, und kann danach nur noch beten, dass man heil ankommt. Zu Beginn war es auch noch extrem heiß im Bus, nach Sonnenuntergang aber eiskalt. Ohne den dicken Schlafsack, den ich ja eigentlich gar nicht nach Indien mitnehmen wollte, wäre es nicht auszuhalten gewesen. In der Kabine gegenüber hatte ein alter Inder die ganze Nacht lang das Fenster weit geöffnet und lies sich nicht davon überzeugen, es zu schließen.

Nach Mysore wollte ich hauptsächlich, um dort einen Yogakurs zu besuchen. Die Stadt ist das Zentrum für Ashtanga Yoga, die wohl sportlichste der vielen Yogavarianten. So suchte ich bald nach der Ankunft die Schule und schrieb mich zunächst für eine Woche für einen Ashtanga (=Gymnastik) Kurs und einen Pranayama (=Atmung) Kurs ein. Der Ashtanga Kurs findet morgens um 6 Uhr statt und ist extrem anstrengend. Es sind 15 Teilnehmer, die Hälfte davon Taiwanesen, die es meiner Meinung nach ein wenig zu ernst nehmen. In einem größeren Raum macht dann jeder seine Übungen, wobei die Abfolge fest vorgeschrieben ist. Die Lehrer, ein Inder Mitte 30, geht währenddessen herum und korrigiert die Positionen.

Gleich am Anfang beschwerte er sich über meine heruntergekommene Yogamatte (6 Euro bei Karstadt). Diese hatte ich schon auf den unmöglichsten Böden wie in der Wüste und am Strand benutzt, und so sah sie auch aus. Also kaufte ich nachmittags eine neue Matte. Der Kurs bringt mir sehr viel, der Lehrer drückt, streckt und verbiegt mich in unmöglichste Positionen. Manchmal fühlt es sich so an, als würden die Muskeln brennen. Beim Ashtanga soll man in allen Positionen auch immer ganz tief ein- und ausatmen, was alles noch weiter erschwert. Nach dem Kurs bin ich fix und fertig, komplett durchgeschwitzt und schlafe ich immer erst nochmal eine Runde. Die meisten anderen Teilnehmer sind im Vergleich zu mir Profis und bleiben zum Teil monatelang in der Schule. Es ist sehr spannend ihnen zuzuschauen, besonders den fleißigen Taiwanesen.

Um 12 Uhr ist dann der Pranayama Kurs. Dort bin ich der einzige Teilnehmer. Hier geht es um verschiedene Atemtechniken, die den Körper entgiften und durch etwas Sauerstoffmangel im Gehirn die Seele beruhigen sollen. Das mit der Seele kann ich auf jeden Fall bestätigen. Außerdem habe ich in dem Kurs die Aufgabe bekommen, jeden Tag den Saft einer Kokosnuss zu trinken, weil das so arg gesund wäre. Die Kokosnüsse kann man an jeder Ecke kaufen und sich gleich aufhacken lassen, also nichts leichter als das!

Ein Besuch in Mysore lohnt sich aber nicht nur wegen des Yogas. Die Stadt ist viel weniger hektisch als alle vorherigen, der Verkehr ist ruhiger und die Luft sauberer. Über die ganze Stadt verteilt findet man viele schöne Bauwerke, Statuen und kleine Parks. Es gibt sehr nette Restaurants und Geschäfte, in denen man viel modernere Dinge kaufen kann als in den anderen Städten. In der Innenstadt gibt es einen tollen überdachten Markt, vollgestopft mit Früchten, Teestuben, Gewürzen, Farben und Textilien. Überhaupt scheinen die Teestuben und Bäckereien typisch für die Stadt zu sein. In vielen Schaufenstern sieht man bunte Kuchen, Torten und Kaffeeteilchen. Immer wieder sieht man auch Autos aus den 20er oder 30er Jahren herumfahren. Vom Hotel aus laufe ich immer an einem Geldautomaten vorbei. Mit dem Wachmann habe ich mich ein wenig angefreundet. Er arbeitet 7 Tage die Woche von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends und verdient 110 Euro pro Monat. Treffpunkt der westlichen Touristen ist eine Dachterasse mit Blick auf den Ghandiplatz. Im Restaurant gibt es Bier und Pommes. Hier kam ich mit einem netten älteren US-Amerikaner ins Gespräch, der sich darüber beklagte, dass Europäer oft ein so negatives Bild von der USA haben. Woher das wohl kommt. Das Wetter ist übrigens sehr angenehm, tagsüber sind es 25 Grad, abends wird es kühl, sogar zu kühl um nur mit einem T-Shirt herumzulaufen.

Höhepunkt in der Stadt ist der erst knapp 100 Jahre alte Maharadscha Palast, dessen Inneres vor Prunk und Pracht nur so strotzt. Wände, Böden und Decken sind bis ins letzte Detail verziert. Ausgestellt sind Turbane, Zepter und Throne der letzten Königsfamilie, sowie die goldenen Umhänge der königlichen Elefanten. An den Wänden sind wunderschöne detailreiche Gemälde von Militärparaden zu sehen. Riesige Räume sind von Säulen durchzogen. Eine Decke ist komplett aus Teakholz gemacht. An einem Ende des Palastes ist eine riesige überdachte Tribüne, wo sich die Königsfamilie den Untertanen präsentierte. Leider darf man innerhalb des Palastes nicht fotografieren. Weil sich viele Inder nicht daran halten, waren die Aufpasser ständig am Rumschreien und nahmen Leuten ihre Handys und Kameras weg. Der Palast war extrem gut besucht, ein endloser Strom von Indern, gespickt mit wenigen Touristen, wand sich durch die Räume. Wie schon zuvor wollten sich viele Leute mir fotografieren lassen. Jeden Sonntag Abend erstrahlt der Palast durch zehntausende Glühlampen. Außerhalb der Stadt gibt es den Chamundi Hügel mit einem weiteren schönen Tempel. Auch hier war sehr viel los, dies ist anscheinend ein bedeutender religiöser Ort. Vom Hügel hat man einen tollen Blick über die Stadt.

In Mysore verbrachte ich auch die Weihnachtsfeiertage. Zum Glück ist hier aber keine Weihnachtsstimmung, so dass das befürchtete Heimweh ausblieb. Es gibt eine größere christliche Gemeinde, deren Kirche etwas kitschig mit Weihnachtsbeleuchtung verziert ist. Obwohl es nur so wenige Christen gibt, ist der 25.12. Feiertag in Indien. Die Inder freuen sich eben über alles irgendwie Göttliche. Auf der Titelseite der Lokalzeitung „Star of Mysore“ wünscht die Redaktion allen christlichen Brüdern und Schwestern frohe Weihnachten, ein lachender Hindu und der Weihnachtsmann machen ein Selfie. Uns Schafköpfen zu Hause würde niemals einfallen, uns mit den Muslimen über das Ende des Ramadans zu freuen. Schön blöd eigentlich, es gäbe ja wohl nichts Besseres als von dem Festessen etwas abzubekommen.

DSC03248 (Medium)

Kurz hatte ich noch darüber nachgedacht, gleich einen ganzen Monat in der Yogaschule zu bleiben. Das würde sehr viel bringen. Aber mein Visum ist nicht ewig lang gültig und Indien hat noch so viel zu bieten, das ich entdecken möchte. Deshalb geht es nach einer sehr sportlichen Woche schon wieder weiter Richtung Süden. I am a passenger, and I ride, and I ride…

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