Indien – Teil 6: Backwaters und Kochi

Seit Gokarna war ich auf folgender Route im Süden Indiens bis nach Kochi unterwegs:

Zunächst ging es mit dem regionalen Bus von Munnar nach Alleppey (6 Stunden Fahrt). An der Küste angekommen, war es tropisch heiß, mindestens 35 Grad. Alleppey liegt am Rand der Backwaters, einem riesigen, weitverzweigten Netz von Wasserstraßen an der Südwestküste Indiens. Die Vegetation ist grün und saftig, man sieht Palmen, Bananenstauden und vieles mehr. Auf den Backwaters sind unzählige Fähren und Touristenboote unterwegs, von denen aus man diese einmalige Landschaft genießen kann. Vom günstigen Tagesausflug im Kanu bis zum luxuriösen Wohnschiff mit Klimaanlage, eigenem Kapitän und Koch hat man hier die freie Auswahl. Entlang der Kanäle leben Leute in ihren Häusern und versorgen sich dort mit Wasser, in den Kanälen wird geduscht, Wäsche gewaschen, Geschirr gespült und vieles mehr. Verkäufer fahren mit Booten durch die Kanäle, statt einem Schulbus gibt es eine Schulfähre.

Ich buchte einen von einem Dorfbewohner namens Anthony organisierten Tagesausflug (12 Euro). Lustigerweise war ein sehr nettes Pärchen aus Tübingen, die ich schon in Munnar getroffen hatte, im selben Hotel gelandet und hatte den selben Ausflug gebucht. Das ist nicht das erste Mal, dass ich Leute zufällig wieder treffe. Um 8 Uhr wurden wir von Anthony am Hotel abgeholt und fuhren zunächst mit der Fähre zu seinem Haus. Dort warteten schon Frau und Sohn (macht gerade seinen Master in Mathe) auf uns. Auf der „Veranda“ wurden uns dann zum Frühstück eine im Bananenblatt gedampfte süße Reisrolle und Tee serviert, was äußerst lecker war. Danach ging es mit Anthonys Boot zu einer gemütlichen Tour durch die Wasserstraßen. Zwischendurch hielten wir manchmal an um Reisfelder oder eine Kirche genauer anzuschauen. Leider war das Wasser an manchen Stellen sehr schmutzig und voller Moos, was auf die sehr hohe Beanspruchung der Backwaters durch den Tourismus hinweist. Nach der Rundfahrt ging es wieder zurück zu Anthonys Haus, wo uns seine Frau ein leckeres Mittagessen kochte, wieder original auf einem Bananenblatt.

Den Ort Alleppey selbst kann man vergessen. Abends hatte ich Lust auf ein Bier und besuchte eine Bar mit Alkohollizenz. In dem schmucklosen Kellerraum waren ausschließlich Männer, die meisten tranken Whiskey. Es war laut und schmutzig, dauernd rülpste jemand. Anscheinend geht es in den Bars nur darum, besoffen zu werden, einen gemütlichen Abend kann man dort nicht verbringen. Ich bekam auch nur ein warmes Starkbier. Nach ein paar Minuten entschloss ich mich, es auf dem Nachhauseweg zu Ende zu trinken. Gleich sprach mich jemand an, dass Alkohol in der Öffentlichkeit nicht erlaubt sei. Da hatte ich endgültig genug und warf das eklige Bier einfach in den Straßengraben.

Von Alleppey ging es dann mit dem Bus nach Kochi, Keralas Touristenziel Nummer 1. Kochi liegt am Meer, die Strände sind aber leider ein wenig vermüllt, und der Ausblick ist auch nicht so toll. Am Strand sieht man große chinesische Fischernetze, die von vier Mann bedient werden. In Munnar hörte ich, wie sich ein Deutscher bei seinen beiden Kumpels darüber beklagte, dass sie nur wegen diesen langweiligen Fischernetzen nach Kochi gefahren sind. Der Ort ist ganz nett, man sieht Häuslein aus holländischer, britischer und portugiesischer Zeit. Im Moment findet dort über die ganze Stadt verteilt ein Kunstfestival statt. Es gibt viele Fischrestaurants, ein Kokosnuss-Ingwer-Garnelen-Gericht war mit das Leckerste, was ich bisher in Indien gegessen hatte.

Ich nutzte die zwei Tage in Kochi auch lieber, um absolut nichts zu tun, weshalb ich mir Erkundungen und Besichtigungen jeglicher Art schenkte. Trotzdem traf ich wieder tolle Leute. Einmal Mike aus Chicago, der auf ähnliche Art und Weise in der Welt unterwegs ist wie ich (nichts vorher buchen, kein Rückkehrdatum, keine Budgetprobleme). Außerdem hat er auch einen Bachelor in Mathe. Mike ist schon seit fast zwei Jahren unterwegs, bis vor vier Monaten zusammen mit seiner Freundin, jetzt gehen sie in jeglicher Hinsicht getrennte Wege. Sie waren 13 Monate lang in Südamerika und lernten dort auch Spanisch. So gab es Geschichten und Routentipps zu Kolumbien und Patagonien. Ferner war er drei Monate in China und hat in der Zeit auch etwas Mandarin gelernt.

Als ich am späten Nachmittag auf einer Bank am Strand saß, setzte sich ein blinder älterer Mann mit Begleitung neben mich und fing gleich mit Konversation an. Er ist 68 Jahre alt, die letzten 44 Jahre davon blind. Er sprach gutes Englisch, und so wurde ich ganz im Detail ausgefragt und er erzählte von sich. Da Neugierde in Indien ja erwünscht ist, wollte ich ihn auch zum Blindsein befragen, zum Beispiel was das letzte ist, das er gesehen hat, oder wie gut er sich noch an Gesehenes erinnert. Darauf eingegangen ist er leider nicht so sehr. Er scheint sich aber noch an vieles zu erinnern, dauernd erzählte er von Wasserfällen und schönen Frauen.

Dann wollte er noch eine Soda trinken gehen. Es blieb aber nicht bei Soda: aus seiner Tasche zog er eine kleine Flasche Whiskey und strahlte. Sein Begleiter nahm ihm die Flasche gleich ab und mixte unter dem Tisch drei Whiskey-Cola zusammen. Auch in Kochi ist Alkohol in der Öffentlichkeit nämlich streng verboten. Sein Glas trank er in einem Zug runter, die Begleitung trank ungefähr die Hälfte und gab ihm die andere Hälfte gleich weiter. Nachdem ich nur einen kleinen Schluck getrunken hatte, fragte er mich ob ich fertig wäre, und trank auch das letzte Glas runter. Dann wurde ich noch für den nächsten Tag zum Essen zu ihm nach Hause eingeladen. Das musste bzw. konnte ich aber absagen, weil ich für den nächsten Tag schon einen Flug gebucht hatte. Zum Abschied gabs noch ein Foto von der Whiskeyrunde.

DSC03577 (Medium)

Zum Schluss noch eine tolle Geschichte. Indien nennt man ja auch Subkontinent, wegen seiner Größe und die durch den Himalaya verursachte geografische Isoliertheit vom Rest Asiens. Andererseits war Indien in der Zeit von vor ca. 100 Millionen bis ca. 50 Millionen Jahren auch wirklich ein eigenständiger (Klein-)Kontinent, so wie heute Australien. Vorher gehörte die indische Landmasse unter anderem zusammen mit Südamerika, Afrika, Antarktika und Australien zum Großkontinent Gondwana und befand sich lange Zeit weit südlich vom Äquator. Vor ca. 150 Millionen Jahren begann Gondwana langsam zu zerbrechen. Vor 100 Millionen Jahren löste sich Indien von Antartika ab. Antarktika driftete nur ein wenig weiter Richtung Süden, aber Indien driftete im Rekordtempo von nur 50 Millionen Jahren so weit nach Norden über den Äquator hinweg, bis es auf Asien traf. Dadurch entstand das Hochland von Tibet und das Himalayagebirge. Der Drift ist noch nicht beendet, weshalb sich der Himalaya jedes Jahr um mehrere Millimeter weiter anhebt. Irgendwann wird der Mount Everest also mehr als 9000 Meter hoch sein.

Hier eine von Wikipedia übernommene Animation dazu. Indien ist zu Beginn ganz rechts unten (Im Vergleich zu heute nach rechts gedreht) und flitzt dann am rechten Rand nach oben.

Pangea_animation_03

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