Indien – Teil 7: Delhi, Agra und Fatehpur Sikri

Mit dem Flugzeug ging es über Bangalore von Kochi nach Delhi, in die Hauptstadt Indiens. Vom Flughafen gibt es eine bequeme Metro in die Stadt nach Neu Delhi, die nur 20 Minuten braucht und 1,30 Euro kostet. Die Metro in Delhi ist bekannt für ihre ungewöhnliche Sauberkeit und Effizienz.

Der Nordwesten Indiens – eine neue Welt. Sehr viel ist anders als im Süden.

Nachdem ich die Metrostation verlassen hatte, wirkte alles ein wenig bedrohlich. Zunächst war es kalt, nur 7 Grad. Nach 3 Monaten in der Sonne war das gewöhnungsbedürftig. Leute lagen am Bahnhof und auf dem Bürgersteig auf dem Boden in Decken eingewickelt und schliefen, oder versuchten es zumindest. Andere machten aus Müll ein Feuer und wärmten sich daran. An manchen Stellen roch es bestialisch nach Urin. Sehr viele Rikschafahrer sprachen mich an, ohne jemanden auch nur zu beachten ging ich weiter.

Ich hatte kein Hotel gebucht und wollte zum Main Bazaar, eine Straße mit vielen Hotels in der Nähe des Neu Delhi Bahnhofs. Dazu musste ich erst einmal durch den Bahnhof durch. Links und rechts gibt es dazu Übergänge über die Gleise, aber überall stand nur „Kein Eingang“. Ich fragte mich durch, jeder schickte mich woanders hin, auch Polizisten. In der Bahnhofshalle musste ich immer wieder über auf dem eiskalten Boden liegende Leute steigen und wurde von allen angeglotzt. Dann sagte mir jemand, man bräuchte ein Ticket für 7 Cent, um auf die Übergänge zu dürfen. Mit dem Ticket ließ mich ein Polizist dann endlich durch und ich schaffte es, den Bahnhof zu durchqueren.

Gleich hinter dem Bahnhof ist der Main Bazaar. Wieder viele Leute, Gestank und Feuer. Ich ging die Straße entlang zu einem vom Reiseführer empfohlenen Hotel und ignorierte die unzähligen Leute, die mir ein Zimmer andrehen wollten. Ich bekam dann auch ein günstiges und sauberes Zimmer (5 Euro). Im Zimmer war es jedoch genauso kalt wie draußen. Es war mir nicht klar, ob mein Schlafsack für solche Temperaturen gemacht ist. Überhaupt dachte ich die ganze Zeit daran, ob ich überhaupt genug warme Klamotten dabeihatte, oder ob ich nachkaufen müsste. Zum Glück gab es aber warmes Wasser, und der Schlafsack zusammen mit dem Seideninlay gibt schön warm.

Tagsüber kam die Sonne raus, und dann wurde es etwas wärmer, vielleicht 15 Grad. Morgens gab es aber Nebel, der die Sonne abhielt. Meine Klamotten reichen aus um nicht zu frieren, jedoch muss ich dazu die ganze Zeit beide Westen tragen. Irgendwann muss ich die ja auch mal waschen – den Tag verbringe ich dann wohl im Bett. Außer in Luxushotels gibt es anscheinend nirgendwo Heizungen. Auch in den Cafes und Restaurants ist es nicht wirklich warm. Wenn die Temperaturen so bleiben, werde ich mich wohl nur mit Tee, einer heißen Dusche oder im Schlafsack so richtig aufwärmen können. Nur die Harten kommen hier in den Garten. Da lernt man Heizungen in jedem Zimmer und ein warmes Bad erstmal so richtig zu schätzen. Wenn es mir zu sehr auf die Knochen geht, nehme ich einfach den nächsten Flieger nach Bangkok. Der Gedanke an diese Möglichkeit wärmt auch ein wenig.

Mein erster Eindruck von Delhi trügte nicht. Die Stadt ist ein Höllenloch. Deshalb war ich auch nur zwei Tage in der Stadt. Sehr viel Verkehr, Schmutz, Lärm, Bettler, Feuer, runtergekomme Hunde, Schlaglöcher und dazu eben Nebel und Kälte. Alle anderen Reisenden, mit denen ich seither geredet hatte, finden Delhi auch fürchterlich. Am ersten Tag besuchte ich Alt Delhi. Dies ist ein muslimischer Stadtteil, und dort gibt es auch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in der Stadt, das Rote Fort und die Jama Masjid, eine riesige Moschee. Da ich erst nachmittags ankam und die Schlangen sehr lang waren, ging ich dort jeweils aber nicht hinein, und schaute mir beides nur von außen an. Für die Moschee hätte man die Schuhe ausziehen müssen. Ich hatte einfach keine Lust dazu.

Dann lief ich noch durch die Gassen von Alt Delhi. Das erinnerte mich stark an Bilder aus pakistanischen Städten. Alles heruntergekommen, riesige Schlaglöcher, Uringestank und Bettler, die in Scharen zusammengekauert vor den Restaurants sitzen und auf etwas zu Essen hoffen. Dort versuchte es auch zum ersten Mal im meinem Leben ein Taschendieb bei mir: ein ärmlich aussehender Mann rempelte mich von hinten an und versuchte in meine offene Westentasche zu greifen. Dort war nichts drin, und er stelle sich so diletantisch an, dass ich es gleich bemerkte. Dann packte ich ihn am Kragen und fragte, ob er in meiner Tasche etwas sucht. Natürlich sprach er kein Englisch. Andere Leute kamen auf uns zu, und dann ließ ich ihn gehen. Manche schimpften auf ihn ein als er ging, ein älterer Mann mit Turban schlug ihm mittelfest in den Nacken und sagte „very sorry, very sorry“ zu mir.

Den Kopf voll mit der Situation, grimmig dreinblickend und in voller Abwehrhaltung (oder Angriffshaltung?) lief ich ein Stück weiter zu einem Restaurant, das für seine Hühnchengerichte bekannt ist. Im Laden hing ein Ausschnitt aus dem Time Magazine, das es vor einiger Zeit mal zu einem der besten Restaurants Asiens kürte. Das Essen war hervorragend, super gewürzt, das Fleisch zart und das Naan Brot frisch gebacken.

Es ist unglaublich, wie man hier zwischen Extremen hin- und hergeworfen wird. Während des Essens freut ich mich auf einmal total, in Delhi zu sein und das alles mal zu erleben, inklusive der Kälte und der Bedrohlichkeit. Ich muss ja nicht für immer hierbleiben. Ich dachte viel an die Menschen in Indien, vor allem an die Verkäufer an den Straßenständen. Dabei stelle ich mir immer vor, welchen Stand ich wohl hätte, wenn ich in Indien geboren wäre. Manche Stände sind recht aufwändig. Dort wird frisch gekocht, es müssen viele Zutaten da sein, man braucht Gas, es muss wenigstens ein bisschen sauber sein. Oft werden solche Stände auch von zwei Leuten betrieben. Dann gibt es reine Verkaufsstände. Manchmal hat jemand nur zwei Sorten Obst oder Gemüse und eine Waage dazu, manchmal nur eine Sorte von etwas. Da sitzen die Leute den ganzen Tag nur daneben, oft werben sie auch gar nicht um Käufer. Ausnahmen sind die Kokosnussverkäufer, die mit ihrem großen Messer innerhalb von 5 Sekunden eine Kokosnuss aufhacken können, so dass man gemütlich daraus trinken kann. Das ist schon toll. Manche verkaufen sehr viel davon und scheinen recht gut zu verdienen. Die Minimalisten auf der Straße sind auch sehr interessant. Es gibt anscheinend Leute, die mit einer Stecknadel anderen Leuten die Ohren saubermachen. Insbesondere versuchen sie es bei Touristen, indem sie vorgeben, gerade einen großen Pfropfen aus dem Ohr geholt zu haben. Das ist eklig, aber dumm können solche Leute nicht sein: sie müssen Englisch können und mit allen Wassern gewaschen sein, um damit ihr Geld verdienen zu können. In Delhi habe ich nun aber noch eine „Branche“ entdeckt, die noch minimalistischer als die Stecknadelmänner ist: die Waagenmänner. Diese Leute sitzen auf dem Boden und haben eine altmodische Personenwaage vor sich stehen, mit der man sich für ein paar Cent wiegen kann. Ihr ganzes Kapital ist ihre Waage. Zwischendurch müssen sie die Waage nur manchmal saubermachen (eher selten) und nachstellen. Der totale Minimalismus.

Abends in einer netten Bar gab es zum Glück günstiges Bier und gute Gesellschaft: 3 Australier, 3 Ami, 2 Deutsche, 2 Spanier, 1 Saudi, 1 Syrerin und 1 Norweger. Dazu eine indische Band, Cricket im Fernsehen (alle machen sich darüber lustig, dass kein Ausländern die Regeln versteht) und immer wieder die indischen Kellner, die um uns rumwuselten.

Delhi hat noch ein paar Moscheen und Tempel als Sehenswürdigkeiten. Auch am nächsten Tag hatte ich aber keine Lust darauf. Ich machte lieber etwas lustiges: ich suchte mir irgendeine Metrostation mit einem lustigen Namen („Guru Dronacharya“) und fuhr dort hin, um zu schauen, wie es dort ist. Es war nichts besonderes dort, wer hätte es gedacht. Immerhin habe ich mir in einem kleinen Laden eine neue Zahnpasta gekauft.

Nach zwei Tagen in Delhi ging es früh morgens weiter nach Agra. Im Bus war es eiskalt, und überall um uns herum nur Nebel. Es klappte aber alles gut, und zur Mittagszeit stand ich am vernebelten, weltberühmten Taj Mahal.

DSC03623 (Medium)

Welch ein Anblick, welch ein Gebäude, welch eine Pracht. Und welch ein Symbol für die Liebe. Sein Erbauer war ein muslimischer Mogul im 17. Jahrhundert, der unter seinen unzähligen Frauen eine Lieblingsfrau hatte. Mit ihr zeugte er schon vor ihrem 30. Lebensjahr 14 Kinder. Sie starb nach der Geburt des letzten Kindes. Darüber war er so traurig, dass er diesen monumentalen Prachtbau errichten ließ. Ach, was sind das alles für tolle Geschichten. Ursprünglich war der Taj Mahal auch noch mit Diamanten und Juwelen verziert, die aber nach und nach abhanden gekommen sind. Insbesondere die Briten haben sich hier ganz frech bedient. Ein solcher Diamant ist angeblich in die Krone der Queen eingearbeitet. Irgendwann lichtete sich der Nebel und der Taj Mahal war in voller Pracht zu sehen.

Später ging es noch mit der Fahrrad-Rikscha ins Agra Fort. Dies ist eine riesige Festung aus dem 16. Jahrhundert. Man kann sich gut vorstellen, wie reiche Leute zu der Zeit dort gelebt haben. Wunderschön. Man könnte dort rauschende Feste feiern, wahrscheinlich wurde früher auch genau das getan. Jedoch ist es ein klein wenig heruntergekommen, eine Generalsanierung würde der Anlage gut tun. Es machte so viel Spaß, das Fort zu besichtigen, dass ich am nächsten Morgen gleich nochmal hin bin. Es ist nicht zu voll dort, alle Besucher wirken gut gelaunt und erfreuen sich.

Am nächsten Mittag ging es dann weiter nach Fatehpur Sikri, nur zwei Stunden von Agra entfernt. Dort ist eine weiteres Fort, inklusive Palast und Moschee. Vor einer heiligen Stätte spielte eine Band:

Es war dort wieder weitläufig, großartig, riesig, einfach toll das zu sehen. Wieder war alles ein wenig nebelverhangen, dadurch wurde es fast mystisch. Im Sommer muss das alles ganz anders wirken. Im riesigen Hof des Forts waren viele Einheimische, es scheint ein Treffpunkt zu sein. Außerhalb des Forts war niemand anderes, so hat man ein Weltkulturerbe für sich allein. Es gab eine sehr heilig wirkende Stelle, in der Nähe standen Särge mit jüngst Verstorbenen. Es muss eine große Ehre sein, dort auf den Eintritt in den Himmel warten zu dürfen.

 

Advertisements

2 Gedanken zu „Indien – Teil 7: Delhi, Agra und Fatehpur Sikri

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s