Indien – Teil 9: Jodhpur und Udaipur

Für die Fahrt von Pushkar nach Jodhpur ging der ganze Tag drauf. Zuerst saß ich zwei Stunden lang im falschen Zug. Dieser fuhr zwar auch nach Jodhpur, ich hatte aber einen anderen Zug gebucht und deshalb musste ich nach der Kontrolle am nächsten Bahnhof aussteigen und eine Stunde auf den richtigen Zug warten. Einfach sitzenbleiben, da der Zug fast leer war – das war absolut unmöglich. Da sind sie ganz genau bei der indischen Eisenbahn.

In Jodhpur kam ich dann in einem Hotel ganz nahe beim Bahnhof unter. Alle Einzelzimmer waren belegt, aber im Mehrbettzimmer für 3 Euro pro Nacht wäre ich der einzige Gast, so dass ich mich gerne dort niederließ. Das war leider wortwörtlich gemeint – ich war der einzige Gast, aber um Mitternacht kamen plötzlich drei Hotelangestellte um auch dort zu schlafen, und vor allem um dort im Chor zu schnarchen.

In Jodhpur blieb ich nur einen Tag, am selben Abend ging schon der nächste Nachtbus nach Udaipur. Jodhpur nennt man auch die Blaue Stadt, weil der Großteil der Häuser in der Altstadt blau angestrichen ist. Das kommt angeblich daher, dass der Wandfarbe Indigo beigemischt wurde, zum Schutz gegen Insekten und Sonnenstrahlung. Irgendwann wurde es aber zum Selbstläufer und zum Markenzeichen der Stadt.

Großes Highlight ist das riesige Meherangarh Fort. Dieses liegt direkt neben der Stadt auf einem Plateau, zu dem nur steile Wege hochführen. Bis zur Unabhängigkeit Indiens 1948 residierte dort tatsächlich noch die Königsfamilie, die über die Region um Jodhpur herum herrschte. Viele im Fort zu besichtigende Zimmer oder Gegenstände sind deshalb noch gar nicht so alt und in sehr gutem Zustand. An ihnen kann man schön den könglichen indischen Stil zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkennen. Erbaut im 15. Jahrhundert, wurde das Fort wegen seiner optimalen Lage niemals von fremden Truppen eingenommen.

Nachmittags schlurfte ich dann etwas durch die Blaue Stadt. An dem Tag war der indische Nationalfeiertag (26. Januar), so dass es nicht leicht war, ein Restaurant zum Mittagessen zu finden. Schließlich landete ich in einem koreanischen Laden, betrieben von drei fleißigen jugendlichen Indern. In der Stadt gibt es einen Marktplatz um einen Uhrenturm herum, den man ganz gut zur Orientierung benutzen kann. Dort ist es aber sehr voll und laut. Wenige Gehminuten weiter jedoch wirkt die Blaue Stadt fast dörflich. Es ist sehr ruhig und gemütlich, Ziege und Kühe gehen ihres Weges. Auf einer Art Bolzplatz vertrieben sich die jüngeren Leute des Viertels ihre freie Zeit am Feiertag. Es wurde Cricket gespielt, aber auch ein lange nicht mehr gesehener Klassiker: zwei Männer versuchen mit den Händen auf dem Rücken, sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Das Spektakel hatte viele Zuschauer, es wurde gejubelt und gestritten, vielleicht sogar gewettet.

Wenige Gehminuten weiter kam ich mit einem jüngeren Inder namens Kashif ins Gespräch, der hier seine Großeltern und Onkels besuchte. Nach kurzer Zeit saß ich mit Chaitee in der Hand bei den Großeltern im Wohnzimmer. Dieses hatte wie schon das Zimmer im Grand Pushkar Hotel an jeder Wand ein großes Fenster, und durch die Eingangstür hat man einen tollen Blick von unten auf das Fort. An einer Wand hing ein eingerahmtes großes Foto von der Oma, wie sie in der Eingangstür steht, mit dem Fort im Hintergrund! So lustig, so lieb die Leute. Außer Kashif sprach niemand Englisch, das war aber nicht so wichtig, Teetrinken und sich gegenseitig Angrinsen reichten schon als Verständigung. Die Familie ist moslemisch und wurde bei der Teilung von Britisch-Indien in die heutigen Staaten Pakistan und Indien getrennt. Die Großeltern fuhren früher noch öfter nach Pakistan zum Besuch, heute ist es ihnen aber zu anstrengend. Wie Kashif aber mehrfach betonte, ist es ihnen keinesfalls zu gefährlich, die Leute in Pakistan wären noch viel freundlicher als die Inder. Die Jüngeren waren noch nie in Pakistan und haben ganz andere Interessen. Mein Freund Kashif hat schon jahrelang als Koch in einem Restaurant gearbeitet. Dadurch spricht er sehr gut Englisch und konnte Geld sparen, um jetzt seinen Bachelor zu machen.

Die Weiterreise nach Udaipur am späten Abend lief dann wie am Schnürchen. Die netten Betreiber des Hotels nahmen mich in ihrem Auto mit zum Busbahnhof. Der Nachtbus (5,50 Euro) kam dann auch schon bald, ich konnte zumindest einigermaßen schlafen, und morgens um 5:30 Uhr kamen wir in Udaipur an. Sofort ging es mit einer Rikscha ins reservierte Hotel, und um 6 Uhr lag ich dort im Bett, so dass ich sogar noch ein paar Stunden richtig schlafen konnte.

Udaipur hat eine wunderschöne Altstadt, an zwei größeren Seen gelegen, mit engen Gassen, vielen Hotels und Restaurants und schönen Hügel außenrum. Das Ganze wirkt beinahe etwas italienisch. Es gibt auch einige Luxushotels, insgesamt sind die Preise etwas höher als sonst in Rajasthan, aber alles noch im Rahmen. Mitten in der Altstadt befindet sich ein riesiger Palast, auch dort hat bis nicht vor allzulanger Zeit noch eine Königsfamilie gelebt. Es war toll dort herumzulaufen und die Anlage ein Stündchen zu besichtigen. Vom Palast machte ich dann eine Bootsfahrt auf dem größeren der beiden Seen. Auf zwei Inseln sind Luxushotels und -restaurants, wie im Film sieht es dort aus. Und tatsächlich wurde der James Bond Film Octopussy zum Teil in Udaipur gedreht. Auf einer der Inseln machte das Boot halt, und man konnte so lange im dortigen Cafe bleiben wie man wollte, und irgendwann ein anderes Boot zurück in die Stadt nehmen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und verbrachte dort den Nachmittag bei eiskaltem Bier (7 Euro!), bester Aussicht und Sonnenschein.

An den nächsten beiden Tagen wanderte ich die umliegenden Hügel hoch. Auf einem der Hügel steht ein nicht ganz fertiggestellter Palast, der Monsun-Palast. Der heißt so, weil man sich dort oben angeblich über den im Sommer durchziehenden Monsunwolken befindet, und so dem zu dieser Jahreszeit schrecklichen Wetter etwas entkommt. Nicht ganz fertig ist er, weil der Erbauer zu früh starb, und die Nachkommen kein Interesse mehr hatten. Außerdem wurde irgendwann festgestellt, dass man kein Wasser nach oben pumpen kann, was den Betrieb erheblich erschwert. Der Blick vom Hügel über Udaipur ist jedenfalls sehr schön.

Abends kamen wir mit einem Restaurantbesitzer, 27 Jahre alt, ins Gespräch. Er plauderte ganz offen über alles. Er verkauft Bier, Opiumtee und Bhang Lassi (enthält Marihuana), natürlich alles nicht legal. (Bier und Bhang sind in Rajasthan aber legal in staatlich lizensierten Läden). Dazu schmiert er, wie fast alle anderen Restaurantbesitzer in der Stadt, die Polizei. Das kostet ihn ca. 40 Euro im Monat. Den Großteil des Geldes bekommt der Polizeichef, der Rest wird an die ihm untergebenen Polizisten verteilt. Dafür kontrollieren sie ihn nie, er kann verkaufen was er möchte. Wenn eine Kontrolle von außerhalb kommt, rufen sie ihn vorher an und sagen bescheid, so dass er alles entsprechend vorbereiten kann. Als er dieses Jahr den Laden aufgemacht hat, ist der Polizeichef von sich aus zu ihm gekommen und hat ihm ganz direkt gesagt wie das läuft.

Hier in Rajasthan ist der Wilde Westen. Durch die Schmiergelder der Hotel- und Restaurantbesitzer an die Polizei geschützt, können die Touristen machen, was sie wollen. Manche bleiben gerade wegen Opium hier hängen und mutieren zu Hippies mit irrem Blick. Wie langweilig.

Auch unter den Einheimischen spielen sich öfter menschliche Dramen ab. Ein Angstellter im Restaurant war erst 14 Jahre alt. Er kommt aus einem Dorf, etwas weiter von Udaipur entfernt. Als er 12 Jahre alt war, besuchte er zusammen mit seiner Familie Udaipur. Sie übernachteten alle zusammen in einem Tempel, aber als er morgens aufwachte, war seine Familie verschwunden. Sie hatten ihn alleine zurückgelassen. Den Namen seines Dorfes kennnt er nicht, möglicherweise wird er sie nie wieder sehen. Seitdem schlägt er sich alleine durch. Zuerst arbeitete er bei der Straßenreinigung (so etwas gibt es in Udaipur), und dann kam er ins Restaurant. Er war lange Zeit sehr traurig, aber jetzt geht es ihm ganz gut.

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