Indien – Teil 10: Jaisalmer und der Rattentempel von Deshnok

Hier die Schlussetappe durch Indien ab Pushkar, bis zurück nach Delhi:

Von Udaipur nach Jaisalmer ging es schon wieder ging es mit dem Nachtbus. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zwei Monaten schon Nachtbus gefahren bin. Als ich um 21 Uhr bei der Busstation ankam, hieß es, mein Bus hätte 4 Stunden Verspätung. Wenn ich aber 5 Euro mehr bezahlen würde, könnte ich jetzt gleich in einem anderen, teureren Bus mitfahren. Ich weiß nie, ob ich solche Stories wirklich glauben soll. Es könnte sehr gut sein, dass sie mir einfach den teureren Bus aufschwatzen möchten und mir deshalb eine Lügengeschichte auftischen. Geglaubt habe ich es den Leuten nicht. Ums Geld geht es natürlich nicht, ich lasse mich einfach überhaupt nicht gern verarschen. So hatte ich ernsthaft überlegt, es darauf ankommen zu lassen und die vier Stunden bei ihnen im Büro zu warten. Sollen sie mal meine Ausdauer kennenlernen. Nach ein paar Minuten kam ich dann aber doch noch zur Vernunft und nahm der teureren Bus.

Jaisalmer ist eine kleine Stadt mit nur 60.000 Einwohnern und liegt im äußersten Westen von Rajasthan, nicht mehr weit von der pakistanischen Grenze, inmitten in der Wüste Thar.

Nachts wird es recht kühl, tagsüber brennt die Sonne. Im Sommer wird es bis zu 50 Grad heiß. Jahrhundertelang lag die Stadt entlang wichtiger Handelsrouten und florierte dementsprechend. Als der Seehandel über Mumbai immer wichtiger wurde, verlor sie stark an Bedeutung. Durch den Konflikt mit Pakistan wurde sie durch ihre strategische Lage für das indische Militär aber wieder interessanter. So sieht man viele Soldaten und Militärfahrzeuge, und Düsenjäger donnern regelmäßig über die Stadt hinweg. Im Umland waren mit jeweils sechs Raketen bestückte Lastwagen zu bestaunen.

Ansonsten lebt die Stadt vom Tourismus. Im Zentrum befindet sich eine beeindruckende mittelalterliche Festung, in der noch 2000 Leute leben. Das Abwassersystem ist leider auch noch mittelalterlich, und so drohen viele Gebäude durch den hauptsächlich von Touristen verursachten hohen Wasserverbrauch einzustürzen. Direkt an die Festung angrenzend gibt es viele Hotels und damit eigentlich keinen Grund, in der Festung zu übernachten.

Von Jaisalmer aus kann man auch zu Kamelsafaries in die Wüste starten und dort dann unter freiem Himmel übernachten. Klingt touristisch, ist es auch, aber schon eine tolle Sache. Leider konnte ich aber keine solche Tour machen. Kurz nach der Ankunft in der Stadt bekam ich Fieber und Magen-Darm, und lag erstmal zwei Tage lang flach. Glücklicherweise konnte ich im Hotel unbegrenzt verlängern, und die Infrastruktur im Zimmer war für so einen Fall auch sehr gut. Auf Details verzichte ich an dieser Stelle. Kurz vor Schluss hat es mich also doch noch erwischt.

Dies hatte aber den Vorteil, dass ich nach meiner Genesung noch das Wüstenfestival von Jaisalmer besuchen konnte. Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt wurden dort in einer Art Stadion viele tolle Attraktionen geboten. Es kamen vielleicht 10.000 Zuschauer. Eintritt kostete es keinen, und so waren auch viele arme Leute da. Einheimische und Touristen freuten sich alle sehr über das Fest, die Stimmung war sehr gut. Gleich zu Beginn stand die Wahl zum Mr. Desert (Mr. Wüste) an. Hauptkriterium ist dabei anscheinend der Bart. Der Sieger machte nachmittags eine Tour durch die Hotels und kam auch bei uns vorbei. Als eines der Highlights des Festes wurde Kamelpolo gespielt, der indische Kamelpoloverband war einer der Sponsoren. Ein anderer Tourist meinte, dass überhaupt nur während des Festivals Kamelpolo gespielt wird, dass es das nirgendwo anders auf der Welt und zu keiner anderen Zeit im Jahr gibt. Wow. Den Verband gäbe es also auch nur für das Festival. Außerdem gab es unter anderem noch Kamelrennen, Tauziehen Inder gegen Touristen (hier gewannen die Touristen nach hartem Kampf), Frauenwettrennen mit Vase auf dem Kopf (wo ganz klar die Inderinnen gewannen) und eine Kamelparade der indischen Grenzsicherung. Abends traf ich zwei Australier, die beim Tauziehen mitmachten und für den Sieg einen Pokal erhielten. Auf dem Handy zeigten sie mir, wie sie danach sogar noch vom Fernsehen interviewt wurden.

Schließlich ging es mit dem (Tages-)Bus weiter Richtung Norden nach Bikaner. Dies ist laut Reiseführer eine „geschäftige Handelsstadt“ – das heißt also furchtbar laut und chaotisch. Die Stadt selbst interessierte mich auch nicht. 30 Kilometer entfernt gibt es nämlich etwas ganz Verrücktes: den Rattentempel von Deshnok. In diesem Tempel leben ca. 20.000 Ratten, die überall rumwuseln. Für die Hindus sind die Ratten heilig, sie glauben, dass unter bestimmten Umständen Menschen in ihnen wiedergeboren werden. Die Besucher bringen den Ratten Speisen mit, die in großen silbernen Schalen serviert werden. Es fliegen auch überall Tauben herum, die sind nicht heilig, dürfen aber bei den Ratten mitessen. Die gläubigen Besucher essen sogar von den Schalen, von denen vorher die Ratten gegessen haben.

Am Eingang des Tempels muss man die Schuhe ausziehen. Inder gehen barfuß hinein, Touristen dürfen ihre Socken anlassen. Der Boden ist ein wenig klebrig vom Rattenmist. Ich hatte vorgesorgt und ein zweites Paar in Südafrika gekaufte Billigsocken mitgebracht, die ich danach gleich entsorgte. Es bringt sehr viel Glück, wenn einem eine Ratte über die Füße läuft. Immerhin rannte mir eine Ratte an den Fuß, ich weiß leider nicht, inwieweit das schon zählt. Einem Italiener machte eine Taube direkt auf den Hinterkopf, das bringt bestimmt auch sehr viel Glück.

Der Tempel war natürlich total surreal. Als abstoßend oder eklig empfand ich die Ratten am Ende aber nicht. Die Inder schaffen es irgendwie, den Tempel noch einigermaßen sauberzuhalten. Ratten, die den Tempel verlassen, gelten nicht mehr als heilig und werden getötet. So werden sie vom umliegenden Ort Deshnok ferngehalten. Laut Wikipedia gab es bis heute noch keine von den Ratten ausgelösten Epidemien.

Als letztes Ziel in Indien wollte ich eigentlich noch weiter nach Norden in die Stadt Amritsar. Dort gibt es einen prächtigen goldenen Tempel, das spirituelle Zentrum der Sikh-Religion. Außerdem kann man von Amritsar nachmittags an die pakistanische Grenze fahren und dort einer Zeremonie beiwohnen, bei der pakistanische Soldaten auf der einen und indische Soldaten auf der anderen Seite die Fahnen einholen und sich dabei ganz grimmig anschauen. Das hätte ich zu gerne gesehen. Außerdem wäre ich aus Prinzip auch schon gerne mal an die pakistanische Grenze gefahren, um zu schauen, wie es dort ist. Da ich in Jaisalmer zwei Tage länger als geplant bleiben musste, fehlte mir dafür leider die Zeit – der Flug von Delhi nach Bangkok war schon gebucht und nicht stornierbar. Ist egal, so habe ich noch einen guten Grund, irgendwann wiederzukommen.

Also ging es von Bikaner mit dem Nachtzug zurück nach Delhi. Für maximalen Komfort wollte ich eigentlich in die beste Zugklasse. Leider gab es für alle besseren Klassen aber keine Tickets mehr und die Wartelisten waren sehr lang, und so kaufte ich zunächst ein Ticket für die Holzklasse und stellte mich schon auf eine fürchterliche Nacht ein. Aber wie schon so oft in Indien kam ich dann durch eine Verkettung von Zufällen doch noch in die beste Klasse. Vom Ticketschalter fragte ich mich nämlich zunächst zur Bushaltestelle zum Rattentempel durch. Ein Mann sprach überhaupt kein Englisch und rief jemanden an, anstatt mir zu antworten. Zwei Minuten später traf ich dann vorm Bahnhof einen Inder aus dem Hotel in Jaisalmer, mit dem ich ein paar Mal geredet hatte, und der mir auch schon das Hotel in Bikaner empfohlen hatte. Er wurde gerade angerufen, dass ein Tourist am Bahnhof rumirrt. Lustig dass ich das sei. Und wie! Er erklärte mir dann, wie man zur Bushaltestelle kommt. Beim anschließenden Smalltalk erzählte ich ihm auch, dass ich nur noch ein Zugticket nach Delhi für die Holzklasse bekommen hatte und die Warteliste ewig lange sei. Kein Problem, er kenne da jemanden, für 4 Euro Aufpreis (Schmiergeld und seine Provision) könnte er mir bis heute abend das Ticket besorgen. Das lies ich mir nicht entgehen.

Nach der Rückkehr vom Rattentempel trafen wir uns in einem Cafe zur Ticketübergabe und plauderten noch länger, er ist wirklich nett. Zwischendurch ging es mit dem Motorrad noch zum Friseur seines Vertrauens, denn auf gar keinen Fall könne ich Indien ohne eine richtige Kopfmassage verlassen. Die hatte es dann auch in sich. In einem gewissen Sinne prügelte mir der Friseur 20 Minuten lang nur auf dem Kopf rum. Zwei Arten von Vibrationsgeräten kamen zum Einsatz. Tat aber sehr gut das alles.

DSC04416 (Medium)

Nun bin ich nochmal für zwei Tage in Delhi und erledige ein paar Dinge, wie Tickets kaufen, Kleidung loswerden, Bilder aussortieren, und so weiter. Es ist viel wärmer als vor einem Monat, und gleich wirkt alles weniger bedrohlich. Ich nahm mir das mit Abstand teuerste Hotel bisher (17 Euro pro Nacht!) und investiere meine letzten Rupien in gutes Essen. Am Tag meines Abflugs sind Wahlen in Delhi, deshalb gibt es Kundgebungen, und Alkohol ist deshalb anscheinend schon Tage vorher verboten. Könnte sein, dass es nach der Wahl zu Spannungen kommt. Da bin ich zum Glück schon weit weg. In einer der wenigen Bars, die trotz Verbots Bier in Kannen verkaufte, traf ich den Italiener aus dem Rattentempel wieder, später gesellte sich noch ein Ire dazu. Der Italiener verabschiedete sich bald, mit dem Iren ging es noch bis spät in die Nacht. So ein lustiger Typ. Zusammen mit seinem Vater betreibt er einen kleinen Elektronikladen in einer kleinen Stadt an der Westküste Irlands. Den Laden gibt es schon seit 1930. Früher haben sie Fahrräder verkauft, sein Opa war der erste Mensch, der mit dem Fahrrad 25 Meilen unter eine Stunde schaffte. Den werde ich auf jeden Fall in Irland mal besuchen und mit ins Pub gehen.

Das war es also mit Indien. Es waren unglaubliche zwei Monate. Ich verneige mich vor diesem großartigen Land und seinen freundlichen Menschen.

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