Myanmar – Teil 1: Downtown Yangon und der Schlangentempel von Dala

Es gibt schon wieder so viel zu erzählen. Nach 48 Stunden in Myanmar war ich mittendrin:

Yangon, mit 4,5 Millionen Einwohnern die mit Abstand größte Stadt und bis 2005 auch Hauptstadt des Landes, ist eine ganz normale Stadt. Vor der Ankunft hatte ich gedacht, dass es hier vielleicht ganz rückständig ist, die Leute nur wenig vom Rest der Welt wissen und noch nicht wirklich auf Besuch aus dem Ausland vorbereitet sind. Oder dass hier überall noch Militärs unterwegs sind und die Leute gebückt durch die Gegend laufen. Es kann auch sein, dass es bis vor ein paar Jahren so war. Der aktuelle Eindruck ist aber ganz anders.

Der Flughafen ist sehr modern, in kürzester Zeit hatte ich den Stempel im Pass und saß im Prepaid Taxi zum Hotel (6 Dollar). Im Hotel und auch in vielen Cafes gibt es Internet, nicht das schnellste, aber immerhin. In Downtown Yangon ist auf der Straße viel los, es gibt viele Verkaufsstände mit den unterschiedlichsten Angeboten, viele Geschäfte, Cafes, Restaurants, Supermärkte und vor allem Elektronikläden mit modernen Fernsehern und Klimaanlagen, sowie unzählige Handyläden, die günstige Smartphones verkaufen. Beinahe alle jungen Leute haben auch ein Smartphone. Für 1 Euro kann man überall SIM-Karten kaufen, dafür muss man nicht einmal als Ausländer einen Ausweis vorzeigen, ganz anders als in Indien und auch in Deutschland. Da habe ich gleich zugeschlagen und kann jetzt wie schon in Indien sehr einfach Hotels reservieren. Auf der Straße wird Händchen gehalten und geknutscht, was braucht die Jugend mehr zum Glücklichsein?

Es gibt unzählige Tageszeitungen, überall bekommt man Bücher von und über Aung San Suu Kyi, der quasi nationalheiligen Oppositionsführerin, die bis 2010 insgesamt 15 Jahre lang unter Hausarrest stand und erst danach ihren 1991 „gewonnenen“ Friedensnobelpreis persönlich abholen konnte. In der Stadt gibt es überall funktionierende Geldautomaten und man kann, anders lautenden Berichten zum Trotz, überall in der lokalen Währung Kyat bezahlen. Meine 400 astreinen Dollar aus Bangkok behalte ich trotzdem mal, auf dem Land sieht es vielleicht anders aus. Gerade sitze ich im Rangoon Tea House, das genauso auch in Berlin existieren könnte – wobei es in Yangon noch keine Hipster gibt. Im chinesischen Viertel ist eine lange Straße voll mit Restaurants, Bars und Straßenständen, alles sitzt am Abend voll mit biertrinkenden Leuten.

Der Verkehr ist moderat (immer noch im Vergleich zu Indien), Roller und Motorräder sind nicht erlaubt. Downtown Yangon ist wie Manhattan (oder Mannheim) in Quadraten angeordnet, so dass man sich dort sehr leicht zurechtfindet. Fast alle Häuser sind noch im Stil der britischen Kolonialzeit, sehen aber runtergekommen aus. Der Stadtteil Downtown grenzt an den sehr breiten Yangon Fluss, wo riesige Containerschiffe den größten Hafen Myanmars anfahren. Auf der anderen Seite des Flusses, nur durch eine Fähre zu erreichen, liegt die riesige Insel Dala, auf der eine Million Menschen leben. Dort bin ich gleich am ersten Tag hingeraten und habe mich mit einer Fahrradrikscha herumfahren lassen. Man kann es kaum glauben, aber die Insel ist total dörflich. Die Leute dort leben in Hütten, betreiben Reisanbau und Fischerei, und viele nehmen jeden Tag die Fähre über den Fluss, um auf der anderen Seite des Flusses zu arbeiten. Es gibt wage Pläne für eine Brücke oder einen Tunnel, weshalb die Landpreise jetzt schon ansteigen. Wenn eine Brücke jemals gebaut wird, wird es auf der anderen Flussseite boomen ohne Ende. Ich tippe auf eine vollständige Modernisierung inklusive Skyline innerhalb der nächste 30 Jahre. Man kann dort bestimmt bald sagenhafte Geschäfte machen.

In der ganzen Stadt sind immer wieder mal größere, mal kleinere goldene Pagoden zu sehen, also buddhistische Tempel. Unbeschreiblich schön ist die riesige Shwedagon Pagode. In der umgebenden Anlage stehen viele kleinere Tempel und Buddhastatuen. Seit 2500 Jahren wird die Anlage immer mal wieder erweitert oder umgebaut. Die Einheimischen sind dort fleißig am Beten und Singen, die Stimmung ist wunderbar. Um auf die Anlage zu dürfen, musste ich einen burmesischen Männerrock über meine zu kurzen Hosen ziehen, was ganz gut ankam.

Im Reiseführer war zu erfahren, dass jeden Dienstag abend in einer kleinen Gallerie eine Art Stehparty für Ausländer stattfindet. Das ließ ich mir nicht entgehen. Es gab günstiges Bier (das Nationalbier „Myanmar“ ist sehr lecker) und es kamen ca. 30 Leute. Davon lebten einige dauerhaft in Yangon, z.B. Geschäftsleute oder Mitarbeiter von Botschaften, und anderen waren wie ich Touristen. Ein paar Einheimische waren auch da, insgesamt hatte ich aber den Eindruck, einen Teil des globalen Jetsets mitzuerleben. Die Gastgeberin wusste komischerweise gar nicht, dass die Party ganz prominent im Lonely Planet erwähnt wird. Wie erzählt wurde, veranstaltete die deutsche Botschaft vor ein paar Monaten zur Feier der fünzigjährigen diplomatischen Beziehungen ein Konzert der Toten Hosen in Yangon. Von den 1000 Besuchern waren 800 Deutsche.

Ein Einheimischer meinte, dass er Thomas de Maizére ganz toll findet, und was ich über ihn denn so wisse. Wirklich, wirklich exotisch manche Leute. Beim Plaudern verstand ich dann aber, dass man Deutschland um so knochentrockene, uncharismatische, preußisch-beamtenhafte Politiker wie de Maizére, Merkel, Steinmeier und als neuester in dieser Reihe meiner Meinung nach auch Heiko Maas schon beneiden kann, auch wenn man sonst vielleicht unendlich viel an ihnen auszusetzen hat: diese Leute SIND der funktionierende deutsche Staat. Sie SIND die Grundordnung, halten den Laden am Laufen, sorgen für Stabilität und am Ende, trotz allem, für ein Mindestmaß an sozialem Frieden. Verständlich, dass man in Myanmar davon träumt.

Nach Mitternacht war die ursprünglich ganz mit Bier gefüllte Kühltruhe leer, und alle machten sich gut angetrunken auf den Nachhauseweg. Dort hatten viele Stände noch geöffnet, Leute saßen auf Plastikstühlen auf dem Bürgersteig, tranken Bier oder Tee und plauderten. Wie alle anderen auf der Party fühle ich mich sehr sicher in der Stadt. Im Reiseführer steht, dass hier höchstens dann fremde Brieftaschen angefasst werden, wenn sie einem Passanten hinterhergetragen werden, der sie gerade verloren hat. In einem Supermarkt entdeckte ich eine Packung Chili-Pflaumen als ganz gutes Mittel gegen Bierhunger.

Am zweiten Abend traf ich auf dem Weg ins Hotel einen jungen Einheimischen names Ko Htoo, der sehr gut Englisch sprach und richtig in Plauderlaune war. Er studiert Englisch und will sich für ein Arbeitsvisum für Australien bewerben. Nach 15 Minuten lud er mich zum Tee ein, und am Ende wollte er mit mir am nächsten Tag, einem Feiertag in Myanmar, einen Roller mieten um mir einen Schlangentempel und das Haus seiner Familie auf der anderen Seite des Flusses in Dala zeigen. Unglaublich, wie schnell das wieder ging. Und ich habe es vermisst. So etwas ist einfach toll. Die Südostasiaten sind auch weniger aufdringlich als die Inder, und mittlerweile kann viel besser mit so viel Freundlichkeit umgehen als zu Beginn der Reise. Jetzt würde ich bestimmt auch viel länger bei den Ramakrishnamönchen in Bijapur bleiben. Ich ließ mich also voll drauf ein und wir verabredeten uns am nächsten Tag für 8 Uhr vorm Hotel. Ich freute mich sehr darauf.

Wieder im Hotel angekommen, meinte ein Angestellter, dass er mich mit einem Touristenführer habe reden sehen, und dass er glaube, dass der mir zwar alles Mögliche erzähle, aber am Ende nur Geld von mir wolle. Oh je, also alles nur Scharade? Mir hatte er nicht gesagt, dass er Touristenführer ist, sondern nur, dass er oft und sehr gern mit Touristen plaudert. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass er Geld will, immerhin hatte er mich ja sogar zum Tee eingeladen. Aber vor allem hatte ich den Eindruck, dass er sehr nett ist, und dass so jemand doch kein so raffiniertes Kasperletheater spielt. Da der Angestellte auch irgendwie glaubhaft war, wusste ich aber nicht, was ich glauben sollte.

Am nächsten Morgen holte mich Ko Htoo sogar zusammen mit seinem Vater vom Hotel ab. Da fragte ich ihn einfach gleich, ob er Touristenführer sei, denn jemand im Hotel hätte das behauptet. Da fühlte er sich vor den Kopf gestoßen, die Stimmung wurde ein wenig distanziert. Er erzählte mir, was er heute alles mit mir vor at und dass er die Nacht vor lauter Planungen kaum schlafen konnte. Die Mutter wolle zum Mittagessen groß für mich kochen. Wie blöd war ich eigentlich? Ich hatte entgegen meinem Eindruck ihre Gastfreundschaft in Frage gestellt. So langsam müsste ich doch wissen, dass das gar nicht geht. Zum Glück kam es so rüber, dass diese Zweifel vom Hotelangestellten kamen, und dass ich einfach nur ganz naiv danach fragte. Sie wollten dann auch mit ihm reden, worauf ich wieder nach oben ging und ihm die Situation erklärte. Nun wurde der Angestellte ganz seltsam und meinte, er wollte nicht mit nach unten kommen. Unten war die Stimmung dann nicht viel besser, den Vater konnte ich gar nicht einschätzen. Wo hatte ich mich denn jetzt hineinmanövriert? Irgendwie ging es dann doch in Richtung Fähre auf die andere Seite, sie gaben mir nochmal eine Chance. Ich ihnen sowieso. Auf der Fähre hieß es dann, dass die Rollermiete 20 Dollar kostet, der Vater hätte für mich einen guten Preis ausgehandelt. Aus Indien ganz andere Preise gewohnt, konnte ich nicht einschätzen, ob das realistisch ist, oder ob ich nun doch irgendwie verarscht werde!

Dann kam ich endlich zur Vernunft und fing an, den beiden einfach mal zu vertrauen. Bald war dieser Mist auch vergessen und es wurde ein super Tag. Zunächst besuchten wir den lokalen Markt, besonders die Fleischstände waren interessant. Mit dem Roller ging es dann eine Stunde lang bei super Sommerwetter durch eine saftig grüne Landschaft bis zum anderen Ende der Insel, zu einer großen Brücke, die er mir unbedingt zeigen wollte. Danach ging es zum Schlangentempel von Dala. Echt ein Geheimtipp. Der Tempel liegt in der Mitte eines kleinen Sees, vier Brücken führen zu ihm hin. Und im Tempel leben drei buddhistische Nonnen und ca. 30 Pythons, bis zu fünf Meter lange Würgeschlangen! Vor 35 Jahren kamen sieben Schlangen aus dem Wald in den Tempel und wollte nicht mehr weg. Normalerweise ernähren sie sich von Kleintieren wie Ratten oder Hasen, aber diese Schlangen sind Vegetarier. Erst nach einiger Zeit fanden die Nonnen heraus, dass sie sie mit Milch ernähren können. Die glorreichen sieben Originalschlangen sind mittlerweile tot, die 30 Stück sind die zweite Generation, und das sind auch alles Vegetarier. Die Buddhisten glauben, dass Menschen in ihnen wiedergeboren wurden, die zu ihrer Menschenzeit böse Dinge getan hatten Nun möchten diese Seelen im nächsten Leben wieder gute Menschen sein, und sind deshalb brave Schlangen, die keine Tiere mehr fressen! Die Schlangen hängen überall im Tempel verteilt rum, in den Fenstern, unterm Tisch, zwischen den Buddhas und die kleinste Schlange wurde zu ihrer eigenen Sicherheit in die gläserne Spendenbox gesteckt. Man kann sie einfach berühren, die Haut ist ganz zart, man spürt Blut durchfließen. Zwei Pythons hatten zwischen den Buddhas gerade Sex, manche Einheimische legten ein Kleidungsstück ihrer Kinder darauf, weil sie glauben, dass ihre Kinder dann selbst auch wieder viele Kinder bekommen.

Weiter fuhren wir zum Haus der Familie, wo die Mutter groß gekocht hatte. Die Eltern bedankten sich, dass ich da sei, und dass es deshalb heute so gutes Essen gäbe. Welch wunderbare Logik! Die Stimmung war super, ich saß einfach dabei, der Fernseher lief und sie füllten mich mit köstlichem Essen ab: Schwein, Fisch, Hünchen, Teeblattsalat, noch mehr Salate und Reis. Das bisher beste Essen auf der ganzen Reise, was ich ihnen auch sagte. Dies und dass ich sehr viel aß, machte sie ganz glücklich. Sie erzählten, dass ihr Haus 2008 bei einem großen Zyklon fast ganz zerstört wurde. Bald bauen sie aber ein Haus aus Stein. Nach dem Essen gab es dann noch Karaoke und ich sang lauthals „My heart will go on“. Herrlich. Schließlich begleitete mich Ko Htoo zurück zur Fähre und dann noch zum Hotel. Dort erfuhr ich, dass 20 Dollar ein sehr guter Preis für die Rollermiete sei.

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3 Gedanken zu „Myanmar – Teil 1: Downtown Yangon und der Schlangentempel von Dala

  1. Jay

    Ich weiß gerade gar nucht was ich denken soll! Der Bericht ist wirklich ganz toll, aber uch fühle mich, als sei es mein eigener. 2014 war ich in Myanmar und auch ich habe Ko Htoo kennengelernt. Wir haben ganz genau die gleiche Tour gemacht und damals sagte er uns auch, dass er die ganze Nacht nicht habe schlafen können. Wir hatten einen tollen Tag und das Essen seiner Mutter war wahrscheinlich das beste, dass wir in dem Land hatten. Unser Abend hat sogar auch mit ‚My heart will go on‘ geendet.
    Ich habe mich sehr über seine Gastfreundschaft gefreut und war überwältigt. Trotzdem finde ich es jetzt im Nachhinein ganz seltsam das gleiche hier durch Zufall zu lesen.
    Liebe Grüße

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    1. Auf Achse Autor

      Du bist dann schon die 4. Person die diesen Tag erlebt hat. Kurz danach habe ich 2 Holländer getroffen, die waren am Tag nach mir dran – siehe Myanmar Teil 3. Ein paar Monate später habe ich auf Hawaii einen Deutschen getroffen der es auch mitgemacht hat.
      Es würde mich sehr interessieren wie oft die Familie das schon gemacht hat und wieviel Geld sie dabei einnehmen. Und was die Nachbarn darüber denken. Eine Doku darüber wäre grandios.

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