Myanmar – Teil 2: Goldener Felsen, Mawlamyine und die Hauptstadt Naypyidaw

Hier die erste Route durch Myanmar ab Yangon, zuerst Richtung Osten/Südosten, dann nach Norden:

Erstes Ziel außerhalb von Yangon war der Goldene Felsen, ein wichtiges buddhistisches Pilgerziel. Dieser befindet sich auf dem Kyaiktiyo Hügel, in der Nähe der Stadt Kyaikto. Um zum Felsen hochzukommen, muss man aber von Kyaikto noch ins Dorf Kinpun. Exotische Namen? Auf jeden Fall. Ich musste mir „Kyaikto“ immer wieder vorsagen lassen, um es mir merken zu können, und habe mittlerweile schon wieder vergessen, wie man es ausspricht. Und so geht es mir mit fast allen birmanischen Wörtern. Als mich ein Taxifahrer fragte, wo es noch so hingeht, nannte ich auch die Hauptstadt Naypyidaw, und sprach den Namen „Neipido“ aus. Davon hatte er beim besten Willen noch nie gehört. Erst beim Aussteigen kam er darauf, dass ich wohl „Näipido“ meine. Auch die birmanische Schrift ist an Exotik kaum zu überbieten:

birma_schrift

Nach Kyaikto/Kinpun ging es mit dem Bus (8 Dollar). Dieser war sehr modern und insbesondere mit einem Flachbildfernseher ausgestattet, auf dem abwechselnd Karaokevideos und eine TV-Soap liefen. Das war so schrecklich schlecht, dass ich es schon wieder lustig fand. Kinpun ist ein kleines Dorf und existiert nur für die Pilger des Goldenen Felsen. Es gibt ein paar Hotels, viele Restaurants und viele kleine Läden, die alle fast dasselbe verkaufen: getrocknete Früchte (Chili-Pflaumen!), Getränke, Chips und Holzspielzeug. Der Renner sind Pistolen und Maschinengewehre aus Holz, viele Jugendliche laufen damit rum. Im Dorf gibt es auch einen kleinen Vergnügungspark mit Autoscooter, Riesenrad und Spielautomaten.

Zum Felsen kann man entweder auf einem Pick-up Bus mitfahren (2 Dollar), oder man kann die 11 Kilometer wandern. Ich bin früh morgens hochgewandert, es hat vier Stunden gedauert und war so anstrengend wie schön. Entlang des gesamten Weges gab es unzählige kleine Läden und Essensstände zur Verpflegung. Die Besitzer leben mit ihren Familien auch dort. Um den Felsen herum ist ein großes Pilgerzentrum, die Anlage war sehr gut besucht.

Der Goldene Felsen ist etwas kleiner und weniger beeindruckend als es auf manchen Bildern vielleicht erscheint. Er ist mit hauchdünnem Blattgold ummantelt, zum Pilgern gehört auch heute noch, etwas Blattgold anzubringen. In einigen Perspektiven habe ich mich wirklich gefragt, wie das Gebilde überhaupt stabil sein kann. Der Legende nach wird es von zwei Haaren Buddhas im Gleichgewicht gehalten.

Vom Hügel runter ging es dann mit dem Pick-up. Auf dessen Ladefläche sind sehr unbequeme Bänke angebracht, wo sich ca. 50 Leute draufquetschten. Der Weg nach unten ist steil und kurvig, es war wie eine Achterbahnfahrt, alle mussten sich gut festhalten. Die Straße ist nur einspurig, deshalb fuhren die Pick-ups in Kolonne nach unten und hielten ein paar Mal an, um die nach oben fahrende Kolonne vorbeizulassen.

Nach nur einer Nacht ging es dann von Kinpun weiter nach Mawlamyine (sprich „Maulamjein“) im Südosten des Landes. Eigentlich sollte wieder ein moderner Bus dorthinfahren, jedoch wusste in der Stadt Kyaikto niemand etwas davon und so landete ich auf der unbequemen Holzbank eines kleinen Pick-ups. Die Fahrt war sehr lustig. Bei 30 Grad war der Fahrtwind einfach herrlich. Eine Hügelkette in östlicher Richtung und dem Golf von Mottama in westlicher Richtung erinnerten mich etwas an die Strecke von Karlsruhe nach Basel. Immer wieder stiegen Leute zu und ab, Waren wurden auf- und abgeladen.

Immer wieder hielten wir kurz an, um neue Bethelblätter zu kaufen. Diese sind auch Indien weit verbreitet, davon hatte ich bisher noch gar nichts geschrieben. In Myanmar gibt es an fast jeder Ecke einen Verkaufsstand. Die Blätter werden mit allen möglichen Zutaten bestrichen, unter anderem Tabak und etwas Mentholartiges, zusammengefaltet und dann gekaut. Fast alle Männer und auch viele Frauen kauen darauf herum, anstatt nach Zigaretten sind sie danach süchtig. Während des Kauens spucken sie immer wieder einen dickflüssigen roten Saft aus, der wie Blut aussieht. Es ist total eklig, die Straßen sind übersät mit roten Flecken. Das Zeug greift schnell die Zähne an, die Gebisse der Myanmaren sind eine Galerie des Grauens. Schon junge Leute haben rot gefärbte Zähne. Bei einem Mann auf dem Pick-up waren alle Zähne schwarz gefärbt. Trotzdem lachte er die ganze Zeit über beide Ohren. Die Wirkung ist aufputschend, ein Franzose hat es nachmittags probiert und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Obwohl ich solche Dinge normalerweise auch immer gerne probiere, lasse ich hier die Finger davon. Es ist einfach zu eklig.

Mawlamyine liegt an einem großen Flussdelta, und ist mit 300.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Myanmars. George Orwell lebte hier in den 20er Jahren als Kolonialpolizist. Viel geht hier nicht, das Attribut „verschlafen“ passt sehr gut. Die meisten Häuser sind noch aus der britischen Kolonialzeit und stark heruntergekommen. Es gibt eine Handvoll Hotels und nur wenige Touristen. Von der Straße, die am Delta entlangführt, hat man eine tolle Sicht auf mehrere größere und kleinere Inseln, mit goldenen Pagoden bestückte Hügel und die längste Brücke des Landes. Die Sonnenuntergänge sind wunderschön. In der anderen Richtung schaut man auch auf eine mit Pagoden bebaute Hügelkette. Leider ist der „Strand“ total verdreckt mit Müll, an manchen Stellen stinkt es sogar. Denkt man sich den Müll und den Straßenlärm weg, könnte man sich hier aber sehr wohlfühlen. In der Stadt gibt es an jeder Straßenecke Motorrollertaxis, auf deren Rücksitzen man sich für wenig Geld überall hinfahren lassen kann. Auch mit meinem großen Rucksack auf dem Rücken war das überhaupt kein Problem.

Zusammen mit zwei Franzosen mieteten wir uns Motorroller und fuhren ins Umland. Im Norden fanden wir eine Pagode, die die Mumie eines Mönches beherbergt. Erfreut über unseren Besuch zeigten uns die dort lebenden Mönche die Mumie. Ungefähr 20 Kilometer südlich der Stadt werden die größten liegenden Buddhas der Welt gebaut, genannt „Win Sein Taw Ya“. Eine Statute ist 180 Meter lang und 30 Meter hoch. Sie ist äußerlich fast fertig, innen wird noch fleißig am Museum gebaut. Die Statue gegenüber ist anscheinend noch länger, hier ist aber gerade erst der Kopf fertig. Am Rande des Weges von der Hauptstraße zu den Buddhas stehen bestimmt 500 Mönchsstatuten, jeweils 3 Meter hoch, die den Weg weisen. Sehr beeindruckend. Am nächsten Tag ging es dann mit der Fähre auf die Insel Bilu Kyun, direkt gegenüber der Stadt auf der anderen Seite des Deltas, die wir mit klapprigen Fahrrädern erkundeten. Die Insel ist übersät mit Reisfeldern und Kautschukplantagen, immer wieder kamen wir an kleinen Dörfern vorbei. Fast alle Leute am Straßenrand grüßten und winkten uns. Gegen die Sonne hatten wir uns die Gesichter mit einer gelben Paste eingeschmiert, mit der fast alle Frauen und Kinder hier rumlaufen. Darüber freuten sich sehr viele Leute.

Zurück von der Insel ging es mit einem Motorrollertaxi direkt weiter zum Busbahnhof, um den Nachbus in die Hauptstadt Naypyidaw zu nehmen. Leider gibt es in Myanmar keine richtigen Betten wie in Indien in den Schlafbussen, sondern nur umklappbare Sitze. Die Fahrt war wirklich schlimm. Irgendwie brachte ich es rum, ich weiß nicht wie. So langsam gehen mir diese vielen langen Nachtfahrten auf die Knochen. Ohne das häufige Yoga wäre das gar nicht möglich. Morgens um 3:15 Uhr erreichten wir das Ziel, und mit dem Taxi ging es ins Hotel. Dort waren sie sehr nett und ich konnte gleich ins Zimmer, obwohl ich nur für die nächste Nacht bezahlte. In der Lobby liefen die letzten 15 Minuten live des Champions League Spiels PSG vs. Chelsea, worüber ich mich sehr freute. Am nächsten Morgen durfte ich sogar kostenlos frühstücken, obwohl ich, wie gesagt, nur für die kommende Nacht bezahlte.

Touristen gibt es in Naypyidaw fast keine, vielleicht waren sie auch deshalb so nett. Die Stadt entstand am Reißbrett, wurde mehr oder weniger heimlich gebaut und erst 2006 zur neuen Hauptstadt von Myanmar erklärt, als Nachfolgerin von Yangon. Offiziell leben hier eine Million Menschen, was aber der Taxifahrer stark bezweifelt, und was man auch kaum glauben kann, wenn man dort ist. Es gibt hier keine Menschen. Auf extrem breiten Straßen, mit bis zu zwanzig (!) Spuren, sind fast keine Autos zu sehen, und Menschen nur in Form von Gärtnern oder Wachleuten am Straßenrand. Selbst von hohen Aussichtspunkten sieht man fast nur Wald, und nur vereinzelt Gebäude. Wohnhäuser waren auf meiner Strecke durch die Stadt nur selten zu sehen. Als „Freizeiteinrichtungen“ gibt es eine riesige Pagode mit weißen Elefanten, einen langweiligen Brunnenpark, einen Golfplatz und einen Zoo. Sonst nichts. Alles ist sehr weit auseinander, es gibt überhaupt keinen öffentlichen Nahverkehr.

Und dies soll die Hauptstadt eines Landes mit 55 Millionen Einwohnern sein. Total verrückt, und echt cool, denn ich finde solche surrealen Orte sehr spannend. Auch wenn es mir für die Myanmaren sehr leid tut. Ich bin auch am Außen-, Innen- und Informationsministerium vorbeigefahren. Von der Straße sah man nur Schilder, die Gebäude waren weit hinter Wald bedeckt. Nicht mal zum Parlament kann man direkt hinfahren, ca. 1 Kilometer vorher ist bei einer Straßensperre Schluss. Offensichtlicher kann man sich als Regierung wohl kaum vor seinem Volk verstecken. Die Straßen sind einerseits so breit um Militärparaden abzuhalten, andererseits wohl auch um im Falle eines Aufstandes den Überblick zu behalten. Als Ausländer muss man im weitläufigen Hotelviertel weit weg vom Regierungsviertel übernachten. Dort stehen viele schicke neue Hotels in herum, es sind aber kaum Gäste zu sehen.

Bei Spiegel Online war erst vor ein paar Wochen ein Artikel über Naypyidaw zu lesen, siehe hier, der aber kaum mehr in die Tiefe geht als das, was ich geschrieben habe. Es wäre sehr interessant herauszufinden, wie die Stadt wirklich funktioniert.

Zum Schluss noch etwas Kurioses. In Indien waren ja sehr viele Hakenkreuze zu sehen, als Zeichen für Glück, und diese waren in ganz anderer Darstellung als die Nazihakenkreuze, oft noch mit Punkten in den Zwischenräumen. In Myanmar laufen aber manche Leute mit den Original Nazihakenkreuzen und auch anderen Nazisymbolen herum. Auf dem Sitz des Rollers, mit dem ich durch Naypyidaw gefahren wurde, war auch ein Nazihakenkreuz. Hier zum Beweis ein Bild von einem Jugendlichen. Da das Veröffentlichen von Nazisymbolen zu Problemen mit Polizei und Staatsanwaltschaft führen kann, obwohl es eigentlich eindeutig gesetzlich geregelt ist, dass dies erlaubt ist, wenn es der „Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient“, habe ich das Bild etwas verfremdet, damit mein kleiner Blog nicht noch deshalb abgeschaltet wird.

DSC04823-ohne-nazi (Medium)

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