Myanmar – Teil 4: Von Kalaw zum Inlesee

Hier die zweite Hälfte der Route durch Myanmar ab Naypyidaw. Eingezeichnet ist der Weg jeweils entlang der Straßen, jedoch ging es von Bagan nach Mandalay mit dem Boot und von Kalaw zum Inlesee (Nyaungshwe) zu Fuß.

Mandalay ist eine laute, schmutzige und hektische Großstadt. Die Straßen sind verstopft mit Motorrollern. In der Innenstadt gibt es einen größeren Palast, und in der näheren Umgebung findet man einige Pagoden, Tempel und Buddhas. Also nichts, was ich nicht schon zur Genüge gesehen hätte.

Deshalb ging es nach einer Nacht, in der unzählige Moskitos an der Außenseite meines auf dem Hotelbett aufgestellten Zeltes saßen, direkt weiter nach Kalaw, südöstlich von Mandalay, auf 1340 Metern Höhe gelegen. Das kleine Touristenörtchen wurde von den Briten gegründet, um sich dort von der Hitze Mandalays zu erholen. Tagsüber brannte die Sonne bei ca. 30 Grad, nachts wurde es ziemlich kühl. Kalaw liegt im Shan State, der an China grenzt, und wo mehrheitlich das Volk der Shan lebt. Im Norden des Staates flammen seit Jahrzehnten immer wieder Kämpfe zwischen der Regierung und Rebellen auf. So auch während meines Aufenthalts. Zehntausende sind deshalb nach China geflüchtet. Das alles war aber hunderte Kilometer weit von Kalaw und dem Inlesee weg.

In Kalaw buchte ich einen 3-Tages-Trek zum Inlesee, für sensationelle 40 Dollar. Dies beinhaltete zwei Übernachtungen, Verpflegung und zum Abschluss eine Bootsfahrt auf dem See. Die Gruppe bestand aus fünf Touristen und einer sehr guten Führerin. Die Führerin war 24 Jahre alt und hat an der Uni Englisch studiert. Eine andere Führerin war 22 und hat Philosophie studiert (buddhistische, indische und westliche). Sie verdienen jeweils 250 Dollar im Monat, was in Myanmar ein ganz gutes Gehalt ist. Irgendwann möchte sie in Kalaw eine Drogerie aufmachen, um Shampoo an Touristen zu verkaufen. Ich habe auch Stellenausschreibungen für Agraringenieure gesehen, die verdienen nur 150 Dollar. So viel also zur Karriere von Uniabsolventen in Myanmar.

Insgesamt wanderten wir ca. 65 Kilometer über Stock und Stein, durch Wälder, auf Hügelspitzen, entlang von Bahnschienen und durch Reisfelder, zum Teil bei großer Hitze. Die Sonne brannte unerbittlich. Zu Beginn noch in kurzen Sachen, habe ich mir sehr bald lange Sachen angezogen. Immer wieder kamen wir durch kleine Dörfer, mit höchstens 50 Einwohnern. Die Dörfer sahen sich alle recht ähnlich. Ein Teil der Häuser ist noch komplett aus Bambus, neuere Häuser sind aus Stein. An vielen Stellen wurde gebaut. Die Bambushäuser machten aber auch einen guten Eindruck. Wie auch im Süden Myanmars zu beobachten war, sind die Häuser meist auf zwei Meter hohen Stelzen gebaut. Der Platz darunter spendet Schatten und dient als trockener Lagerplatz. Fast jedes Haus hatte Solarzellen für Licht, Radio und zum Aufladen der Smartphones. Einen anderen Stromanschluss gab es anscheinend nicht. Jedes Dorf ist für etwas anderes bekannt: eines für Brennholz, das nächste für Bohnen, das Nachbardorf für Tabak.

Auch wenn die Dörfer sich recht ähnlich sehen, können sie zu verschiedenen Stämmen gehören. Die Lebensweisen unterscheiden sich zum Teil sehr stark, was man zum Beispiel daran festmachen kann, wie man als Hochzeitspaar zueinander findet: suchen die Eltern aus, oder nicht? Sogar die Sprachen unterscheiden sich deutlich. So kann es sein, dass Leute aus Nachbardörfern nicht in der selben Sprache miteinander sprechen können. Neben den Shan, die die Mehrheit bilden, und zu denen auch unsere Führerin gehörte, kamen wir oft durch Dörfer der Pa-O. Diese Leute sind leicht zu erkennen, da die Frauen alle schwarz gekleidet sind und bunte Turbane auf dem Kopf tragen. Unsere Wanderwege waren nichts anderes als die Verbindungswege zwischen den Dörfern. Häufig trafen wir Einheimische. An einer Stelle wurde Musik gespielt und getanzt. Dort wurde auf die Ankunft zweier goldener Buddhastatuen gewartet. Als diese ankamen, wurde sie mit Blüten beworfen, und dann ging es in einer Prozession zu Fuß weiter.

Die Landschaft war sehr schön anzuschauen. Immer wieder konnten wir von oben auf ein Tal und gegenüberliegende Hügelketten blicken. Meist lag eine braune Dunstglocke über den Hügeln. Entlang des gesamten Weges wurde immer wieder gerodet, um die Waldbrandgefahr im Hochsommer zu reduzieren. Möglicherweise kommt der Dunst daher, unsere Führerin wusste es auch nicht genauer. Die Farben wechselten vom satten Grün der Knoblauchplantagen zum kräftigen Rotbraun der Wege und nicht bestellter Felder. Bis vor 30 Jahren wurde in der Gegend hauptsächlich Opium angebaut. Heute ist Myanmar immer noch der zweitgrößte Opiumproduzent der Welt, nach Afghanistan. Deshalb sind auch einige Teile des Landes für Ausländer nicht zugänglich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in diesen Gegenden Opium angebaut wird, jeder Einheimische, den ich fragte, nannte dies als Grund.

Ein weiterer Grund ist anscheinend, dass in manchen Gegenden Zwangsarbeiter gehalten werden. Dies erzählte mir ein Franzose, der einen Journalisten getroffen hatte, der heimlich in diese Gebiete reisen möchte. Im Westen des Landes, an der Grenze zu Bangladesch, werden insbesondere die Muslime sehr schlecht behandelt. Ein buddhistischer Mönch meinte auch ernsthaft, dass er alle Muslime hasst. Mit dieser Einstellung wird er wohl kaum auf Buddhas Spuren zur Erleuchtung finden.

Unsere Führerin erzählte viel vom Buddhismus, das war äußerst interessant. Mitgenommen habe ich davon den zentralen Aspekt, dass es die Aufgabe jedes Menschen ist, seinen eigenen Weg zur Erleuchtung zu finden und zu gehen. Dabei verstehe ich „Erleuchtung“ als Zustand innerer Zufriedenheit. Genauso ist es vielleicht: man kann nicht nur, man muss seinen eigenen Weg gehen, will man wahre Zufriedenheit erfahren.

Entlang des Weges (also wieder des Wanderweges) gab es keine Hotels oder Wanderhütten, und kaum Restaurants. Wir aßen und übernachteten deshalb jeweils in den Häusern einer Familie in irgendeinem kleinem Dorf. Die Führerinnen benutzten einfach die Küche der Leute zum Kochen. Einen Teil der Zutaten nahm die Führerin aus Kalaw mit, den Rest gab es im Dorf. Das Essen war immer sehr lecker, es gab viele Salate. In den Häusern gab es meist 2-3 Zimmer, in der Mitte ein großes Wohnzimmer mit Buddhaaltar, in welchem unsere Betten hergerichtet wurden. Matratzen gab es keine, zwischen uns und dem Holzboden war nur eine dünne Decke. Trotzdem schlief ich sehr gut. Das ist ja das Tolle am Wandern: nie schmeckt das Essen so gut, nie schläft man so gut wie nach einem harten Wandertag.

Die Familie schlief in einem der kleineren Zimmer. Die Dorfbewohner sprachen kein einziges Wort Englisch und waren, hoffentlich nur deshalb, nicht wirklich an uns interessiert. Es kommen halt auch jeden Tag neue Touristen, so verdienen sie sich ein bisschen Geld. In den Wohnräumen waren kaum Möbel und überhaupt nur wenige Dinge zu sehen, man könnte sagen, die Häuser waren fast leer. Wo sollen sich die Leute auch etwas kaufen?

Am ersten Abend verkündete die Führerin, dass in dem Dorf, wo wir am nächsten Tag übernachten würden, ein Fest stattfindet, bei dem Jungs zu Mönchen gekürt werden. Wir könnten am nächsten Tag deshalb aufs Wandern verzichten und zum Fest fahren. Der eine Teil der Gruppe fand das ganz toll und wollte hin, der andere Teil hatte mittlerweile genug von all der Kultur und wollte lieber weiterwandern. Da der andere Teil nur aus mir bestand, war ich am zweiten Tag alleine mit einer anderen Führerin unterwegs (die mit Abschluss in Philosophie). Da war ich auch ganz froh drum. Wir hatten einen jungen Spanier dabei, der unaufhörlich schnatterte. Zwischenzeitlich dachte ich ernsthaft daran, mir Ohrenstöpsel reinzumachen. Am späten Nachmittag kamen wir an einer Quelle mit ganz sauberem, kühlen Wasser vorbei, welche die Einheimischen zum Duschen nutzten.

Am dritten Tag erreichten wir dann nach dem Mittagessen den Süden des Inlesees und fuhren mit einem Boot zum nördlichen Ende, in den Touristenort Nyaungshwe. Der See ist zum Teil nur einen Meter tief. An seinen Ausläufern werden Reis und Gemüse angebaut, manchmal in schwimmenden Gärten. Da der See nicht tief ist, rudern die Einheimischen einfach mit einem am Bein angebrachten Ruder. Das ist auch das Standardtouristenfoto vom Inlesee. Überhaupt geht es in Nyaungshwe sehr touristisch zu. Als wir verdreckt und ungeduscht aus dem Boot stiegen und zum Hotel liefen, kamen uns gleich einige Hipster entgegen. Wie die Pa-O sehen auch die Touristen, inklusive mir, alle gleich aus und sind deshalb leicht zu erkennen.

Am nächsten Tag verzichtete ich auf die obligatorische Ganztagesbootsfahrt auf dem Inlesee. Von mehreren Seiten war zu hören, dass man da hauptsächlich irgendwelche Märkte abfährt, wo einem Touristenschrott angeboten wird. Und eine Fahrt auf dem See hatte ich ja schon. Also ging es mit dem Fahrrad zu einer heißen Quelle westlich des Sees. Das Wasser war sehr heiß, beim Rausgehen wäre ich fast umgekippt, die Lufttemperatur war nämlich auch 35 Grad. Entspannend war es am Ende trotzdem.

Eigentlich wollte noch in der Gegend um Hsipaw im Norden des Shan States wandern gehen. Das hätte aber zwölf Stunden mehr Busfahrt bedeutet. Da verzichtete ich lieber drauf und machte eine weitere 2-Tages-Trekkingtour zu den Hügeln östlich des Inlesees, bis auf 1500 Meter Höhe. Die Tour lief sehr ähnlich ab wie zuvor, es war wunderbar. Der Führer war 16 Jahre alt, einen älteren Koch hatten wir auch noch dabei. Dieses Mal ging es zusammen mit drei sehr netten Franzosen aus Paris, die nicht so viel redeten. Wir kamen an einer Höhle vorbei, in deren Winkel sich die Dorfbewohner zur Meditation zurückziehen. Wieder übernachteten wir in einem kleinem Dorf, im Haus des Dorfchefs. Was ihn zum Chef machte, war anscheinend die Pistole, die er immer dabei hatte. Fotografieren durften wir die Knarre leider nicht.

Am späten Nachmittag zeigte sich die Landschaft von ihrer besten Seite. Auf einem Hügel kamen wir bei zwei einsamen Mönchen vorbei. Sie hatten ein riesengroßes Bild ihres Hauses mit einem UFO darüber aufgehangen. Sie erzählten, dass das UFO am 21.11.2014 über dem Hügel schwebte und dass das auf jeden Fall Außerirdische waren:

Als Zeugen gibt es natürlich nur den Fotografen. Ja, liebe Leser, so war es wirklich: in Osten von Myanmar, auf einem Hügel in einer Hütte weit ab von der Zivilisation, leben zwei buddhistische Mönche, die glauben, dass sie Besuch von Außerirdischen hatten. Der Chef mit der Knarre glaubte es auch.

Das Essen im Haus des Dorfchefs war wieder hervorragend, der Schlaf nach acht Stunden Wanderung war auch gut, und so ging es am nächsten Tag früh morgens weiter über Stock und Stein, bergauf und bergab. Gegen 16 Uhr waren wir wieder in der Nähe des Inlesees und besuchten zum Abschluss eine Winzerei, wo wir für 2 Dollar mehrere Sorten probieren konnten und schon bald nur noch lachten. Die Sicht auf den See war sehr schön. In ganz Myanmar gibt es überhaupt nur zwei Winzereien, unsere gehört einem Franzosen.

Am nächsten Tag ging es mit dem Bus nach Mandalay, und dann nach einer weiteren Nacht mit dem Flugzeug (Air Asia) wieder zurück nach Bangkok. Dort traf ich Karo und Yann aus Berlin, die mir ein paar kleine Dinge aus der Apotheke mitbrachten: Ohrenstöpsel, Salbe und vernünftige Blasenpflaster. Im Supermarkt habe ich mir gleich das Beste aus dem Westen besorgt:

DSC05320 (Medium)

Übrigens kann man problemlos bis zu 90 Tage in Myanmar bleiben. Das Visum gilt zwar nur für 28 Tage, bei der Ausreise zahlt man dann für jeden zusätzlichen Tag 3 Dollar „Strafe“.

Es war eine sehr schöne Zeit in Myanmar. So tief eingetaucht wie in Indien bin ich leider nicht. Indien überstrahlt auch immer noch alles, bei weitem. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass Myanmar gar nicht so viel zu bieten hat, und hauptsächlich davon lebt, dass man es erst jetzt richtig bereisen kann. Überall gibt es nur die immergleichen Pagoden, Tempel und Buddhasstatuen, die Leute sitzen auf ihren Motorrollen und spucken rote Flüssigkeit aus. Vielleicht ist eben genau das der Charakter des Landes. In Zukunft werden bestimmt auch die 800 schönen Inseln im Süden des Landes für den Tourismus erschlossen. In Myanmar ist es auch viel schwieriger, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Die wenigsten können Englisch, und irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie nicht so richtig wissen, was sie von den Ausländern halten sollen. Auch mit Englisch sprechenden Einheimischen gab es oft lustige Verständigungsprobleme. Bei fast jedem Restaurantbesuch ging etwas mit der Bestellung schief. Als ich am Inlesee einen Bus nach Mandalay reservieren wollte, gab es folgenden Dialog.

„Welche Busse gibt es denn nach Mandalay?“ – „Nur einen Nachtbus.“ – „Es gibt also keinen anderen Bus als diesen Nachtbus?“- „So ist es.“ – „Gibt es einen Bus, der tagsüber fährt?“ – „Ja. Selber Preis wie der Nachtbus.“ – „Kann ich dafür ein Ticket kaufen?“ – „Warum nicht?“

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