Neuseeland 2: Der Kepler Track

Mit einem Intercity Bus ging es von Christchurch in den Südwesten der Südinsel, in die kleine Stadt Te Anau, am Rande des Fiordland Nationalparks. Die Fahrt dauerte 10 Stunden und kostete 40 Euro. Im Bus gab es Internet, so dass ich gemütlich den letzten Blogeintrag schreiben und hochladen konnte. Aus dem Fenster sah man unter anderem sattgrüne Weiden mit voll mit glücklichen Schafen, Hügelketten, Strände und dramatische Wolkenszenen.

Am nächsten Tag machte ich mich zu meinem ersten „Great Walk“ auf, dem Kepler Track. Dieser Wanderweg ist 60 Kilometer lang, und ich hatte drei Übernachtungen geplant. Man kann ihn auch nur mit einer Übernachtung durchwandern. Der Rekord liegt angeblich bei 4 Stunden. Dies war meine erste Wanderung über mehrere Tage überhaupt, nicht nur deshalb ließ ich es ein wenig langsamer angehen. Die erste Nacht schlief ich in einer Hütte, die beiden anderen Nächte im Zelt, und so nahm ich meine gesamte, auf Tasmanien gekaufte Ausrüstung mit. Auch die gesamte Verpflegung für vier Tage musste mit, entlang des Weges gibt es keine Versorgungsmöglichkeit mehr. Ausgenommen ist hier Wasser, wofür es Regenwassersammelstationen gibt. Alles wirkt hier sehr frisch und sauber, weshalb ich das Regenwasser direkt getrunken habe und auch keine Probleme hatte.

Ich hatte lange überlegt und war unsicher welche Lebensmittel ich mitnehmen sollte. 60 Kilometer und 1200 Höhenmeter mit einem 10-15 Kilo schweren Rucksack, da braucht man schon einiges an Kalorien. Auf diese Art Kalorien zu zählen macht aber wirklich Spaß. In Christchurch bekam ich schließlich gute Tipps von zwei ehemaligen schwedischen Soldaten. Als Hauptgerichte gab es abends einmal Spagetti mit Pesto, Thunfisch und Bohnen, dann Spagetti mit einer überraschend leckeren, fleischhaltigen Fertigsoße, und schließlich Chicken Teriaki mit Reis, auch relativ gut. All das konnte ich mit dem Gaskocher und zwei kleinen Campingtöpfen zubereiten. Zum Frühstück und teilweise zu Mittag gab es Pumpernickel mit Erdnussbutter, Mittags auch mal Nudeln vom Vorabend. Und dazwischen Rosinen, Datteln, Powerriegel und gesalzene Nüsse (Elektrolyte! Proteine!). Diese Gesamtmischung hat mich gut durchgebracht, wobei ich beim nächsten Mal ein mehr zuckerhaltiges Frühstück mitnehmen werde. Als einzigen Luxus habe ich Instantkaffee und Kaffeeweißer mitgenommen. Morgens in der Wildnis ein Käffchen – das ist einfach grandios.

Tagsüber und nachts kann es im Herbst entlang des Weges sehr schnell kalt und windig werden. Bei der Wahl der Kleidung brachte schließlich der Hiking Dude die Erleuchtung. Tagsüber zum Wandern gibt es im Prinzip drei Schichten. Direkt auf der Haut die übliche sportliche Funktionskleidung, schweißabführend und schnell trocknend. Wenn es sehr kalt ist, kann dies auch Thermokleidung sein. Darüber oben eine Fleecejacke und unten eine Trekkinghose. Und ganz außen Regenkleidung, die auch den Wind abhält. Oben wechselt man dann je nach Wetterlage: mal nur das Funktionsshirt, oder dieses mit Regenjacke, oder alles drei zusammen. Letzteres hat auch auf 1500 Meter bei starkem kalten Wind schön warm gehalten. Unten hatte ich immer nur die Trekkinghose an, Regenhose wurde nicht gebraucht, und es muss wirklich schon sehr kalt werden, bevor man zum Wandern eine lange Unterhose benötigt. Dann gibt es noch einen zweiten Satz Kleidung, den man im Camp und zum Schlafen trägt, und der wasserdicht verpackt werden muss: Thermosachen und darüber Fleecejacke und -hose. Zum Glück wurde es nachts nie so kalt, dass ich alles gebraucht habe. Übrigens gibt es das alles auch sehr günstig, man muss dafür keine Unsummen in Outdoorläden ausgeben.

Es passte alles gerade so in den großen 60-Liter-Rucksack, das Zelt wurde außen festgemacht, wasserdicht verpackt. Mein restliches Gepäck deponierte ich solange im Hostel. Es war ein längeres morgendliches Gewurschtel bis ich alles zusammen hatte. Ich hatte probehalber die Nacht im Zelt verbracht, das dann vom Morgentau erstmal noch trocknen musste. Ich war wirklich aufgeregt und unsicher, ob ich das Richtige dabei hatte. Aber vom Schreibtisch aus wird man kein Wandersmann. Irgendwann muss man einfach losgehen und möglicherweise für seine Fehler büßen, die man beim nächsten Mal dann hoffentlich nicht mehr macht.

Am ersten Tag wanderte ich 15 Kilometer auf flacher Strecke bis zur ersten Hütte, der Moturau Hut. Dort kostete die Übernachtung 35 Euro, völlig überteuert. Und wie ich im Nachhinein erfuhr, gibt es ganz in der Nähe noch eine Hütte, wo es nur 4 Euro kostet. Davon steht in den von der DOC (Department of Conservation, die neuseeländische Naturschutzbehörde) herausgegeben Infos nichts drin. Überhaupt scheint die DOC sehr am Geldmachen interessiert zu sein und man findet oft viel günstigere Alternativen, wenn man sich ein wenig informiert. Egal. Der Weg ging durch relativ dichten Wald hindurch, entlang eines Flusses, der an Stromschnellen laut rauschte und ansonsten komplett still war. Nach zwei Stunden taten die Schultern weh. Da packte ich den Rucksack um (schweres nach unten, da war ja was…) und schaffte es, sehr viel Gewicht auf die Hüften zu verlagern. Jetzt weiß ich endlich, wofür die unzähligen Riemen am Rucksack alle gut sind. Am Wegesrand standen immer mal wieder größere Fliegenpilze, wie aus dem Bilderbuch. Solche Pilze hatte ich seit vielleicht 20 Jahren nicht mehr gesehen. Kurz vor der Hütte kommt man dann noch an einem Feuchtland vorbei, wo Pflanzen, wie Schwämme, eine riesige Menge Wasser halten. Die Hütte lag dann am Strand des Lake Manapouri, mit wunderbarer Aussicht auf dahinterliegende Berge. Zum Sonnenaufgang gab es am nächsten Morgen schöne Farben. Am Strand lernte ich zum ersten Mal auch die neuseeländischen Sandfliegen kennen. Diese kleinen Biester stechen und wollen einem das Blut aussaugen, wirklich nervig.

In der 35-Euro-Hütte war es ganz okay. Außer bei Regen ziehe ich aber klar das Zelt vor. Im Aufenthaltsraum war es sehr laut, in den Schlafräumen mieft es fürchterlich, es gibt immer einen lauten Schnarcher und man hat immer Leute, die spät ins Bett gehen oder früh aufstehen und dabei Lärm machen.

Am zweiten Tag ging es 16 Kilometer zum Iris Burn Campingplatz, den ich schon um 12:30 Uhr erreichte, hundemüde. Auf dem Weg traf ich einen sehr sportlichen Googlemitarbeiter mit Fotorucksack auf dem Rücken: Google erstellt für die neuseeländischen Great Walks Street Views. Wenn sie mich nicht rausschneiden, müsste ich genau bei der Rocky Point Shelter zu sehen sein. Für Google berühmte Wanderwege ablaufen – brauchen die noch Leute? Die Strecke war nur sehr leicht ansteigend, mit einer kurzen starken Steigung auf halber Strecke. Highlight war die Big Slip, ein Tal, das erst 1984 nach heftigen Regenfällen so geformt wurde. Wie schon bei der Great Ocean Road ist es sehr interessant zu sehen, wie Landschaften vor noch nicht allzu langer Zeit von der Natur geformt wurden. An vielen Orten auf der Erde hat man ja eher den Eindruck, dass alles schon immer so aussah wie jetzt. In der Nähe des Camps gab es noch den schönen Iris Burn Wasserfall, auch dort sieht man, wie das Wasser über viele Jahre den Stein abträgt. Es gab nur einen anderen Camper, Glenn von der Isle of Man in England. Er hat drei Jahre lang in Botswana in einem Nationalpark gearbeitet und sucht jetzt einen ähnlichen Job in Neuseeland. Wir haben uns gleich für nach der Rückkehr ins Pub verabredet, die Happy Hour Zeiten, wo Bier mal nur 3,50 Euro kostet, kannte er genau.

Der nächste Tag war sehr hart. Die Entfernung zum nächsten Camp betrug 23 Kilometer. Gleich zu Beginn ging es über ca. 4 Kilometer 1000 Höhenmeter nach oben zum Mount Luxmore. Schon nach einer halben Stunde musste ich Brikkets in Form von Datteln und Powerriegeln nachlegen. Zeitweise benutzte ich den Wanderstock mit beiden Händen, wie ein Ruderer, um nach oben zu kommen. Es wurde kühl, dann hörte der Wald auf und es kam noch starker Wind dazu. Wirklich ansprechend war die Landschaft bei der Steigung auch nicht. Ich fragte mich, warum ich mir diesen Mist überhaupt antue und nicht in Australien in der Sonne liege. Nach der letzten von unzähligen Kurven wusste ich es wieder:

Oben angekommen, ging es manchmal noch steil auf und ab, das Schwerste war aber überstanden. Nach jedem Hügel wurde man mit dem nächsten tollen Ausblick belohnt. Auf dem Weg begegnete ich Bergpapageien, die mir von kundiger Seite aus der Heimat schon angekündigt wurden und die es wohl auf mein Essen abgesehen hatten. Einmal flog einer so nahe heran, dass ich mit dem Wanderstock nach ihm schlug.

Nach 15 Kilometern und 5 1/2 Stunden kam ich bei der Luxmore Hut vorbei, wo ich mir erstmal eine riesige Portion Nudeln kochte. Danach ging es 8 Kilometer und 2 1/2 Stunden fast nur noch bergab bis zur Brod Bay, einem schönen Strand am Lake Te Anau, an dem die Wellen laut rauschten. Kurz vor Schluss musste ich nochmal eine längere Pause machen, weil ich schon Sternchen sah.

Die erste Stunde im Camp war ich auch fix und alle. Überraschenderweise war ich dann zwar noch erschöpft, gleichzeitig aber voller Energie. Für die Nacht hatte sich Regen angekündigt und für das Zelt suchte mir ein schönes Plätzchen unter Bäumen. Schon kurz vorm Einschlafen rannte plötzlich eine Maus über das Innenzelt. Da erinnerte ich mich nochmal an die kundige Seite aus der Heimat und hängte die Tüte mit Essen (und insbesondere dem schon leicht riechenden Abfall, den man auf dem Weg nirgendwo entsorgen kann) bei der Kochstelle unters Dach. Trotzdem kamen immer noch Mäuse, eine kackte sogar aufs Innenzelt. Deshalb hängte ich nun fast mein gesamtes Gepäck unters Dach, damit auf keinen Fall mehr etwas nach Essen riecht. Es kamen immer noch Mäuse. Verdammt, was nun? Mir fiel nur noch ein, das Zelt woanders aufzustellen, vielleicht war es ja gar nicht das Essen und ich hatte mich einfach zwischen zwei Mauselöchern niedergelassen. Näher am Strand ließen mich die Mäuse dann in Ruhe. Am nächsten Morgen hingen meine Sachen auch alle noch unter dem Dach. Mitten in der Nacht erwachte ich vom starken Regen. Zum Glück war das Zelt wasserdicht.

Auf den letzten flachen 8 Kilometern traf ich Glenn wieder, wir freuten uns schon riesig auf die Happy Hour. Wieder in der Zivilisation, auf dem Campingplatz in Te Anau, kam dann noch seine Freundin Dani aus Wien dazu. Wie schon am Tag zuvor war ich trotz vier langen Wandertagen erstaunlich fit. Abends im Pub begossen wir den Kepler Track, wie es sich gehört, mit unzähligen Gläsern Bier. Dass irgendwann keine Happy Hour mehr war, war vollkommen egal. Am nächsten Morgen hatte ich aber keinen Kater und war immer noch voller Energie.

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