Neuseeland 3: Stewart Island und der Rakiura Track

Ziel der nächsten Etappe war Stewart Island, eine gar nicht so kleine, fast unberührte Insel 30 Kilometer südlich der neuseeländischen Südinsel. Weiter geht es dann nicht mehr weg von zu Hause. Ab jetzt bin ich automatisch schon auf dem Heimweg.

Zur Fähre musste ich dazu von Te Anau nach Invercargill, der mit 50.000 Einwohnern größten Stadt im Süden, und dann weiter zu deren Seehafen Bluff.

Ich versuchte zu trampen. Zu Beginn stand ich anderthalb Stunden lang an einer Kreuzung herum, niemand hielt an. Dann versuchte ich eine andere Kreuzung, und nach zehn Minuten hielt ein 19-jähriger Kiwi an und nahm ich den halben Weg mit. Der Typ war sehr nett, aber auch wirklich schräg. Er redete die ganze Zeit, ich konnte ihn nur schwer verstehen. Das schrottreife Auto hatte er zwei Tage vorher für 80 Dollar von seiner Exfreundin gekauft. Diese kommt jetzt ins Gefängnis, weil sie einen Mann schwer verletzte, der gerade eine Prostituierte vergewaltigen wollte. Er hat seit Jahren kein Fleisch mehr gekauft, er jagt sich alles selbst im Wald. Er arbeitet seit er 13 ist, unter anderem hat er bei der Instandhaltung des Kepler Tracks mitgearbeitet. Das sei ein Knochenjob gewesen, was ich sofort glaube. Als er mal keinen Job fand, jagte er Opossums, für deren Fell gäbe es gutes Geld. Er fragte, welche Hirscharten es denn in Deutschland gäbe. Als ich darauf keine Antwort wusste, redete er den Rest der Fahrt nur noch von Hirschen.

Auf halbem Weg ließ er mich mitten im Nirgendwo an einer Kreuzung raus, von dort musste ich die nächste Mitfahrgelegenheit Richtung Süden finden. Es war sehr kalt und begann schon leicht zu nieseln. Zum Glück hielt nach ein paar Minuten ein nettes Kiwipärchen an und fuhr mich nach Invercargill bis vor die Haustür eines Hostels. Das Trampen klappte also eigentlich gut, trotzdem wollte ich das auf Dauer so nicht machen. Man kann nichts richtig planen und bei schlechtem Wetter steht man ziemlich dumm da.

Also musste ein Auto her. So viele Langzeitreisende gehen das Risiko ein, warum sollte ich das jetzt nicht auch einmal machen? Im schlimmsten Fall verliere ich eben Geld, was soll’s. Über die Freiheit, die ein eigenes Auto in einer Region mit viel Natur und wenig öffentlichen Verkehrsmitteln bringt, muss nicht viele Worte verlieren. Im Hostel fragte ich nach, wie man in Invercargill an ein günstiges gebrauchtes Auto kommt. Der Besitzer meinte dazu, ich solle 10 Minuten Richtung Innenstadt laufen, dort gäbe es eine Straße, in der zum Verkauf stehende Autos stehen, alle mit Preis und Telefonnummer hinter der Windschutzscheibe. Dort angekommen, standen Gebrauchtwagen in allen Preisklassen, für mich kamen drei Autos in Frage. Bei meinem Favoriten rief ich gleich an, zehn Minuten später kamen zwei sehr nette Inder vorbei. Probefahrt, alles gut, keine seltsamen Geräusche. Dann noch etwas runtergehandelt, und für rund 1000 Euro gehört mir nun ein weißer Citroen, Baujahr 1994, mit 248.000 Kilometern:

DSC06553 (Medium)

Die Formalien waren äußerst schnell erledigt. Da es Ostermontag war (das Auto hat mir also quasi der Osterhase ins Nest gelegt), trafen wir uns am nächsten Morgen wieder beim Postamt. Dort füllte jeder ein kleines Formular aus, was wir dann zusammen abgaben, und schon gehörte das Auto ganz offiziell mir. Länger nach einem Auto zu suchen hätte kaum etwas gebracht. Ich habe sowieso keine Ahnung davon, ob ein Auto wirklich noch gut ist oder nicht. Hier hatte ich gleich einen guten Eindruck, also warum nicht? Ist lustig, ausgerechnet in InverCARgill ein Auto zu kaufen. Und es soll ja auch nur zwei Monate lang halten, nicht zehn Jahre. Ende Mai versuche ich es in Auckland wieder zu verkaufen, wird schon irgendwie klappen. Die Schließanlage funktioniert nicht richtig, einmal bin ich deshalb schon durch den Kofferraum eingestiegen. Eigentlich muss ich es auch gar nicht abschließen.

Am nächsten Tag ging es dann mit dem Auto nach Bluff zur Fähre nach Stewart Island. Allein diese etwas abgelegene Strecke durch Trampen rechtzeitig zurückzulegen, wäre reine Glücksache gewesen. Zum Mittagessen hielt ich bei einem kleinen Schiffsfriedhof an. Die Überfahrt auf der modernen Fähre für 90 Euro hin und zurück dauerte eine Stunde und war sehr wacklig. Der Wellengang war sehr stark, das ging einigen Leuten auf den Magen. Entlang der Strecke sah man einige kleinere Inseln. Kurz vor der Ankunft hielten wir in der Nähe eines Küstenabschnitts kurz an. Dort kam uns ein Mann im Ruderboot entgegen um einen Passagier der Fähre abzuholen.

Stewart Island ist ca. 70 mal 40 Kilometer groß. Es gibt dort nur eine Siedlung namens Oban, dort leben 600 Menschen. Früher gab es im Südwesten auch eine zweite Siedlung, die heute aber verlassen ist. Im 19. Jahrhundert blühte dort die Holzindustrie, heute lebt die Insel vom Tourismus. Der allergrößte Teil der Insel wurde zum Nationalpark erklärt, dort steht dichter, unberührter Wald, der viele, auch seltene, Vogelarten beheimatet. Zwischen Stewart Island und der Antarktis liegt keine weitere nennenswerte Landmasse, dementsprechend bekommt die Insel manchmal ein paar kalte Grüße aus dem Süden ab. Insgesamt ist es hier sehr regnerisch und windig, aber nicht zu kalt.

Auf Stewart Island machte ich meinen zweiten Great Walk, den Rakiura Track (Rakiura ist der Maori-Name der Insel). Er ist 32 Kilometer lang. Ich plante dafür zwei Übernachtungen im Zelt ein (diesmal jeweils nur 4 Euro Gebühr) und machte noch ein paar Extrakilometer. Die meiste Zeit ging es durch dichten Wald, man könnte ihn Urwald nennen. Außer dem Wanderweg ist (scheint) dort nichts vom Menschen beeinflusst. Überall liegen mit Moos bewachsene umgefallene Bäume. Immer wieder hört man ungewöhnliches Vogelgezwitscher. Einige Vögel sangen sehr lange Melodien, mit den verschiedensten Tönen. Am ersten Tag ging es noch einige Zeit am Meer entlang, an schönen Stränden und Buchten vorbei.

Kurz vor dem Tagesziel, Port William, begann es ganz fein zu regnen, und es zeigte sich ein wunderschöner Regenbogen in voller Pracht. Kurzzeitig sah man sogar zwei Regenbögen.

Ich versuchte noch, ein kleines Stück den Northwest Circuit entlangzugehen, einem sehr langen Wanderweg entlang der Nordküste der Insel, für den man 10 Tage einplanen muss. Nach 30 Minuten musste ich aber schon umkehren, da es viel zu schlammig war. Auf dem kleinen Campingplatz beim Port William waren noch wenige andere Leute, hauptsächlich Deutsche. Um 19:30 Uhr wurde es dunkel und kalt, und so verkrochen sich alle ins Zelt. Mein neuer Schlafsack hat an den Füßen einen Reißverschluss. Im Sommer ist das bestimmt nützlich, bei Kälte aber eher nicht. Früh morgens wachte ich mit eiskalten Füßen auf, trotz dicken Socken. Am zweiten Tag ging es ausschließlich durch dichten Wald. Tagesziel war die Northarm Hut, die an einem schönen See liegt. Der Weg war zum Teil recht matschig, über manch schlammige Stelle musste ich mich regelrecht drüberhangeln. Zwischendurch führte der Weg an verlassenen Maschinen der Holzindustrie vorbei. Wieder versuchte ich es ein Stück den Northwest Circuit entlang, wegen des Schlamms war dies aber mit meinen Schuhen leider nicht möglich. Am dritten Tag ging es dann schon wieder zurück Richtung Oban. Irgendwann war wieder das Meer zu sehen.

Von Oban ging es mit der Fähre dann zurück nach Bluff. Mein Auto stand zum Glück noch. Ich war echt geschafft und etwas verfroren. Zurück in Invercargill im Hostel buchte ich gleich zwei Nächte und machte einen ausgedehnten Ruhetag. Es ist dort sehr gemütlich, es gibt einen Kamin im Wohnzimmer, bei dem ich den ganzen Tag Holz nachlege. Im Garten gibt es Hasen und eine Ziege, die immer grinst. Im Fernsehen läuft der Wetterbericht für die polynesischen Inseln.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Neuseeland 3: Stewart Island und der Rakiura Track

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s