Neuseeland 4: Milford und Queenstown

In Invercargill blieb ich zehn Tage, meistens neben dem Kaminfeuer auf dem Sofa. Das Wetter war in der Zeit überall ziemlich schlecht, nicht weit von uns schneite es heftig und war nachts bis zu minus 7 Grad kalt. Es war aber auch wirklich nötig, mal etwas länger am selben Ort zu bleiben, mit einem guten Bett, einer warmen Dusche und einer gut ausgestatteten Küche. In der Zeit habe ich „nichts“ gemacht, nämlich gekocht, gelesen, Filme geschaut und viele Folgen vom Neo Magazin Royale nachgeholt. Deshalb gab es länger keinen Eintrag im Blog.

Außer mir gab es noch drei andere Leute, die dauerhaft im Hostel blieben. Ein Malaysier mit einem unaussprechlichen Namen, den wir Dude nannten. Er will nach Neuseeland auswandern und arbeitet sechs Tage die Woche Nachtschicht in einer Schlachterei, wo er am Fließband Schafe mit einem großen Messer töten muss. Eigentlich hat er etwas mit IT studiert, im Whatsapp sieht man ihm mit Anzug und Krawatte. Als Einwanderer mit mittelmäßigem Englisch muss er hier erstmal einen Scheissjob machen, er tut mir etwas leid. Dann gab es einen Franzosen mit einem unaussprechlichen Namen, den wir T-Bone nannten. Er ist Unternehmensberater in Paris, nimmt sich gerade eine Auszeit und denkt die ganze Zeit über Geschäftsideen fürs Internet nach. Schließlich gab es noch Sparky, den Besitzer des Hostels. Der war einfach nur verrückt. So saßen wir also zehn Tage lang zusammen neben dem Kamin, jeden Tag kamen und gingen Leute, die nur 1-2 Nächte blieben. Zweimal machte Sparky den Whirlpool im Garten warm, so ließ es sich aushalten.

Im Fernsehen wurde unaufhörlich über den ANZAC-Day am 25. April geplappert. ANZAC (Australian and New Zealand Army Corps) ist der Name der gemeinsamen australischen und neuseeländischen Truppen, die in den ersten beiden Weltkriegen kämpften, im ersten Weltkrieg als Teil des Britischen Empires. Am 25. April 1915 traten diese in den Krieg ein, dieses Datum jährt sich also dieses Jahr zum hundertsten Mal. Vorm Fernseher habe ich überhaupt nicht verstanden, warum die so ein Theater um diesen Tag veranstalten. Erst später, in Queenstown, gab es Zahlen dazu, die man in der englischen Wikipedia nicht findet:

DSC06735 (Medium)

Von knapp einer Million Neuseeländern zogen also 103.000 Mann in den ersten Weltkrieg, davon wurden 18.000 getötet und 41.000 verwundet! Das sind ja unfassbare Zahlen. In jeder dritten (!) neuseeländischen Familie kam jemand zu Schaden. Ganz sicher ist das ein nationales Trauma. Das wäre so, als würden heute acht Millionen Deutsche ans andere Ende der Welt in einen Krieg ziehen, und davon würden 1,6 Millionen sterben und 3,2 Millionen verwundet werden. Und was für ein unnötiger Krieg der erste Weltkrieg ja auch war, auf jeden Fall aus neuseeländischer Sicht. Im zweiten Weltkrieg ging es ja wenigstens noch gegen die Nazis um die Freiheit der Welt. Ein klein wenig habe ich den Eindruck, dass die ANZAC-Truppen von den Briten in den Kriegen verheizt wurden.

Irgendwann konnte ich mich dann doch vom Kamin losreis(s)en. Hier eine Karte der gesamten Tour, seit ich in Neuseeland bin:

Zunächst ging es von Invercargill nochmal in den Fiordland Nationalpark, nach Milford Sound. Auf dem Weg gab es viele schöne Ausblicke. Ich kam am Lake Manapouri vorbei, den ich auf dem Kepler Track schon von der anderen Seite gesehen hatte, und an den Mirror Lakes, wo sich an guten Tag die gegenüberliegenden Berge ganz klar im Wasser spiegeln. Leider waren Enten auf dem See, als ich dort war. Weiter ins Fiordland hinein ging es zum Lake Gunn, und in den Nähe von Milford Sound waren wunderschöne schneebedeckte Berge zu sehen. Die halbe Strecke nahm ich zwei Tramper mit.

Entlang des gesamten Weges gab es keinerlei Ortschaften. Selbst in Milford Sound gibt es nur eine Lodge, die zum Glück auch günstige Mehrbettzimmer anbietet, ein Restaurant und eine Fähranlegestelle. Man kommt auch nur wegen einer Bootsfahrt nach Milford Sound, aber die lohnt sich wirklich. Es geht in einen dramatischen Fjord hinein, Wasserfälle und Robben stehen Spalier, bis hinaus aufs offene Tasmanische Meer.

Auf dem Weg zurück hätte ich den Gertude Saddle erklimmen können, in ca. 5 Stunden kann man den erwandern. Dazu gibt es eine eher traurige Geschichte: seit mehr als drei Wochen wird eine deutsche Touristin dort vermisst. Ihr Auto wurde auf dem Parkplatz gefunden, sonst gibt es überhaupt keine Spur. Die letzte Etappe zum Gertrude Saddle ist nicht beschildert, wahrscheinlich hat sie sich dort verlaufen und ist abgestürzt. Mit der Kälte und dem Schnee in den letzten Wochen ist es wohl ausgeschlossen, sie noch lebend zu finden. Fürchterlich ist das. Man hört und liest immer wieder Geschichten von Touristen, die ums Leben kommen.

Den Gertrude Saddle habe ich also lieber nicht gemacht, auch weil es geregnet hat. Dafür bin ich zum Anfang des Routeburn Tracks, eine weiterer Great Walk, und bin zum Key Summit hochgewandert. Auf dem Gipfel in 1000 Meter Höhe hat man eine tolle Aussicht auf Berge und den Lake Marian – wenn nicht gerade alles bewölkt ist. Als ich oben ankam, war nichts zu sehen außer Wolken. Ein wenig enttäuscht ging ich wieder zurück, aber nach kurzer Zeit zeigte sich ein kleines Stück blauer Himmel. Also ging nochmal zurück zum Gipfel und wartete, bald auch mit anderen Wanderern zusammen. Das Wetter wurde immer besser, ganz langsam verzogen sich die meisten Wolken, und nach vielleicht einer Stunde gab es tolle Ausblicke auf zumindest die Gipfel. Als sich ein Gipfel zum ersten Mal zeigte, jubelten und klatschten wir alle. So war es am Ende fast schöner, als wenn das Wetter die ganze Zeit gut gewesen wäre. Und nicht nur ich fand die Analogie zu einem Striptease nicht ganz unpassend.

Die Nacht verbrachte ich auf dem Parkplatz des Routeburn Tracks, wo man für 4 Euro offiziell campen darf. Da es regnete, legte ich die Rücksitze um und schlief im Auto. War auch mal eine Erfahrung. Beim Herrichten schwankte ich beinahe manisch zwischen „Was mache ich hier eigentlich?“ und „Wie cool ist das hier eigentlich?“.

Am nächsten Tag ging es dann nach Queenstown. Aus dem Fiordland Nationalpark heraus gab es strahlenden Sonnenschein. Die Bäume zeigten sich in allen Herbstfarben. Immer wieder kam ich an schönen Seen vorbei und hielt an, um zu gucken.

Queenstown ist eine schicke Touristenstadt. Die ersten paar Stunden zurück in der Zivilisation fremdelte ich ein wenig, dann gefiel es mir aber ganz gut. Die kleine Stadt liegt in wunderschönen Lage an einem See zwischen Gebirgsketten. Ein sehr anstrengende Tageswanderung führte mich hoch zum Ben Lomond Gipfel auf 1743 Meter, mit Rundumblick auf dramatische Landschaften. Queenstown liegt nur auf 350 Meter, den Höhenunterschied spüre ich ganz deutlich in den Beinen.

 

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