Neuseeland 8: Rotorua, Raglan und Auckland

Von Taupo ging es auf die letzte Etappe in Neuseeland Richtung Norden, über Rotorua, Raglan und schließlich Auckland, der mit Abstand größten Stadt des Landes:

Die Nationalstraße von Taupo nach Rotorua heißt auch „Thermal Explorer Highway“. Entlang des Weges befinden sich viele heiße Quellen, Geysire  und blubbernde Schlammlöcher. Überall dampft es, zeitweise ging es durch dichten Nebel mit nur geringer Sichtweite. So manche Landschaft war durch Abholzung vom Menschen stark verunstaltet.

Rotorua ist ein nettes kleines Städtchen an einem netten See, und ähnelt damit den vielen anderen netten kleinen Städtchen in Neuseeland, die an netten Seen liegen. Besonders an Rotorua ist jedoch der zum Teil bestialische Gestank nach Schwefel, also nach faulen Eiern. Im Stadtpark kann man dampfende Teiche und blubbernden Matsch besichtigen. Auch der See trifft an einem Ende auf thermisch aktiven Grund. Dort gibt es an natürlichen Quellen ein polynesisches Spa, das damit wirbt, eines der besten der Welt zu sein. Mit 25 Euro ist der Eintritt nicht ganz so überteuert wie so manches andere.

Als ich auf dem Parkplatz des Hostels meine Sachen im Auto zusammenpackte, kam der Hostelbesitzer vorbei, und roch aus Spaß in mein Auto hinein, mit der Begründung, dass die Landstreicherautos oft stinken würden. Das mag so sein (er attestierte meinem einen neutralen Geruch), jedoch fand ich es bemerkenswert, dass so ein Scherz ausgerechnet in einer Stadt gemacht wird, in der es überall nach faulen Eiern stinkt. Eine derart tiefgehende Selbstironie, den Scherz gerade deshalb zu machen, traute ich dem Mann nicht zu. Angeblich riecht er den Schwefel gar nicht mehr. Im Hostel klagten manche Leute gar über Kopfschmerzen.

Nach nur einer Nacht ging es weiter nach Raglan, das am Meer liegt und als bester Ort zum Surfen in Neuseeland gilt. Olli und Markus („Wir hatten ja nüscht!“) waren schon seit mehreren Tagen dort und sehr begeistert. Für 55 Euro machte ich einen dreistündigen Surfkurs. Das Wasser war relativ kühl, mit einem Neoprenanzug hält man es aber lange darin aus. Viel wissen muss man zum Surfen eigentlich nicht, dafür umso mehr üben. Kommt eine Welle, muss man sich aufs Brett legen und in deren Ausbreitungsrichtung lospaddeln, um auf möglichst dieselbe Geschwindigkeit zu kommen. Wird man dann von der Spitze des Wellenberges erreicht, muss man sich möglichst schnell aufrichten und mit leicht angewinkelten Knien auf das Brett stellen, um die Welle zu reiten.

Es macht einen riesengroßen Spaß. Viel Zeit und Kraft waren notwendig, um überhaupt erstmal ein Stück ins Meer hineinzulaufen. Die Wellen waren äußerst kräftig und schlugen regelmäßig in den Unterleib und auf den Kopf. Das Surfbrett ist mit einer Leine am Bein befestigt. Manchmal wird das Brett so kräftig mitgerissen, dass man hinfällt und ein Stück mitgezogen wird. Fast unbemerkt wurde man von der Strömung vom Anfang des Strandes abgetrieben, nach einiger Zeit musste man aus dem Wasser hinaus und wieder zurücklaufen. So kämpft man mit dem unfassbar starken Meer, um irgendwann eine Welle zu erwischen, sie zu reiten und sich dadurch die Naturkräfte aus reinem Vergnügen Untertan zu machen. Meine letzte Welle des Tages konnte ich sogar schon bis zum Ende stehen und einfach vom Brett absteigen. Abends war ich fix und foxi müde. Am nächsten Tag war das Wetter sehr schlecht, so dass man leider nicht surfen konnte. Es kommen aber sicher noch viele weitere Gelegenheiten dazu.

Von Raglan ging es dann weiter nach Auckland. Dort waren am Wochenende zwei Automärkte, die einzigen wirklichen Chancen, mein Auto in kurzer Zeit wieder zu verkaufen. Die Märkte finden ganz praktisch auf größeren Parkplätzen statt, für 20 bzw. 25 Euro Gebühr darf man sein Auto mit Preisschild hinter der Windschutzscheibe abstellen und auf Interessenten hoffen. Für Käufer sind die Märkte kostenlos. Im unteren Preissegment wird vor Ort meist in bar bezahlt. An einem Kiosk kann man auch gleich die Ummeldeformalitäten erledigen und damit das Auto innerhalb nur eines Morgens sauber loswerden. Wenn man eben einen Käufer findet.

Im Hostel waren noch vier andere Leute, die am Ende ihrer Reise ihr Auto auf diesem Weg loswerden wollten. Zu Beginn des Winters fallen die Preise ins Bodenlose, da unzählige Touristen das Land verlassen und es deshalb viele günstige alte Autos gibt. Das waren keine guten Vorzeichen. Im Frühling, hier also ab Oktober, steigen die Preise dann wieder stark an, besonders für die Vans, in denen man ein Bett einbauen und darin zu zweit als Landstreicher leben kann. Da im Mai kaum solche Reisende ankommen, sind diese Autos in dieser Zeit nur sehr schwer zu einem angemessenen Preis loszubekommen. Da ich ja ein „normales“ Auto hatte, war ich ein klein wenig optimistischer als andere Leute. Was am Ende immer geht, ist das alte Auto in einem Autohaus zu verkaufen. Jedoch bekommt man meistens nur um die 200 Euro.

Der erste Automarkt am Samstag Morgen war die totale Enttäuschung. Bei ca. 30 Autos, ausschließlich angeboten von Reisenden, kamen zwischen 8 und 14 Uhr höchstens fünf Leute, darunter zwei dubios wirkende Gebrauchtwagenhändler, die nur lächerliche Preise boten. Trotzdem kauften sie zwei Autos, die sie im Frühling sicher zum mehrfachen Preis wieder verkaufen können. Das war ganz interessant mitanzusehen. Der starke Regen und die Kälte trugen sicher ihren Teil dazu bei, dass fast niemand kam. Meinem Auto schenkte niemand auch nur Beachtung. In der Nähe gab es kein Cafe, keinen Laden und nicht einmal eine Toilette. Durchnässt und verfroren machte ich mich auf den Heimweg und dachte an die indischen Straßenverkäufer. Das Auto und die Jahreszeit, das alles ist wie es ist, man kann nichts an seiner Situation verbessern, man kann nur hoffen, und, wenn man möchte, beten (dafür wurde es wohl erfunden). Zu Hause hat man natürlich viel mehr Zeit, um ein Auto zu verkaufen, hat möglicherweise Bekannte, die einem dabei helfen, und hat normalerweise auch nicht so eine Schrottkarre, von der niemand weiß, wie lange sie noch hält. Bei mir geht es zum Glück nur um ein bisschen Geld, es würde mich auch nicht umhauen, wenn ich das Auto nicht losbekäme. Wie muss das sein, wenn man einer von vielen Tomatenverkäufern ist und auf dieser Basis seine Familie ernährt?

Nur einer von uns vier Autoverkäufern aus dem Hostel hatte an diesem Samstag eine ernsthafte Interessentin: Asiatinnen stehen offenbar auf die Marke Rover, es sieht ja auch edel aus. So saßen wir nachmittags mit langen Gesichtern bei Kaffee und Kuchen in der Hostelküche und diskutierten die Chancen für den nächsten Automarkt am folgenden Tag. Die Stimmung drehte sich irgendwann. Warum soll man sich groß Sorgen machen und deprimiert sein, wenn man sowieso nur auf das Schicksal hoffen kann? Die fehlende Möglichkeit, die Situation irgendwie zu verbessern, begann alles zu entspannen.

Sonntags morgens ging es dann zum nächsten Automarkt. Dieser war sehr viel größer, es hab bestimmt 150 Autos zu besichtigen. Am Anfang erschien ein toller Regenbogen über den Autos, die Stimmung war bestens, wir ergaben uns unserem Schicksal.

DSC07274 (Medium)

Der Automarkt ab 9 Uhr hatte viele Besucher. Aber niemand schaute sich mein Auto genauer an. Die Anderen aus dem Hostel hatten zumindest ein paar Interessenten, aber auch ohne Erfolg. Mein ursprünglicher Preis war 1700 Dollar (1600 hatte ich bezahlt), um 10:15 Uhr reduzierte ich auf 1400, um 11 Uhr ging es weiter runter auf 1100 Dollar. Auch die Anderen gingen erfolglos runter, die Gesichter wurden wieder so lang wie am Tag zuvor.

Um 12 Uhr war das offizielle Ende des Marktes, niemand von uns hatte sein Auto verkauft, bei mir hatte sich immer noch niemand den Wagen auch nur angeschaut. Neben uns war ein netter neuseeländischer (professioneller) Autoverkäufer, mit dem wir vorher schon ein wenig geredet hatten und der wusste, dass wir fast alle verkaufen müssen. Es riet uns sehr glaubhaft, mit dem Preis stark runterzugehen, das wäre immer noch besser als alle anderen Möglichkeiten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht holte ich einen neuen Zettel und beschriftete ihn mit 995 Dollar (700 Euro). Und tatsächlich, die nur noch dreistellige Zahl entfaltete ihre Wirkung. Eine arm wirkende Familie schaute sich kurz danach den Wagen genau an, und versprach, nach dem weiteren Rundgang wieder zurückzukommen. Um 12:30 Uhr sah ich sie das Gelände verlassen, nichts war’s also.

Um 12:45 Uhr, viele erfolglose Verkäufer waren schon gegangen, kam noch eine arm wirkende Familie vorbei, der Vater hatte nur drei Zähne im Mund. Ich ging auf ihn zu und redete los: es sei ein gutes altes Auto, hatte nie Probleme, verlasse in vier Tagen das Land, muss es loswerden, er könnte jetzt ein super Schnäpchen machen, der Preis sei viel zu niedrig. Das muss recht überzeugend gewirkt haben, es war ja auch die Wahrheit. Er schaute sich das Auto an, fragte kurz noch ein paar Details, und verkündete ohne Probefahrt oder ähnliches, dass er es für 750 Dollar (540 Euro) nehmen würde. Mit heruntergelassenen Hosen war nichts mehr zu handeln, ich rechnete mir in Sekundenbruchteilen noch schnell aus, dass mich der Spaß mit dem Auto bei einem Verkaufspreis von 750 Dollar inklusive aller anderen Kosten (außer Sprit) in zwei Monaten 630 Euro kosten werden würde, also 10,50 Euro pro Tag, war nicht ganz unzufrieden im Vergleich zu den Kosten eines Mietwagens und besiegelte das Geschäft per Handschlag. Puh.

Nachdem ich das Geld in bar erhalten hatte und die Familie mit meinem Auto davongefahren war, kamen die anderen aus dem Hostel und der nette neuseeländische Autoverkäufer und gratulierten. Von uns war ich der Einzige, der auf dem Automarkt sein Auto losbekommen hatte. Zwei Schweden hatten am selben Tag noch anderweitig für 500 Dollar Erfolg. Ich weiß nicht, was aus den anderen beiden Autos geworden ist. Mit den beiden Schweden begoss ich abends dann auf angemessene Art und Weise den Verkauf unserer Autos.

Es folgten dann noch drei launische Tage in Auckland. Es ist eine typische Großstadt und erinnerte stark an Melbourne. Das hohe Verkehrsaufkommen nervt. Es ist bemerkenswert, dass Neuseeland genau eine solche typische Großstadt hat. Die Wohnungspreise sind am explodieren: der Stadt sind durch das Meer natürliche Grenzen gesetzt, und in den letzten fünf Jahren stieg die Bevölkerungszahl des Landes von 4 Millionen auf 4,5 Millionen. Hätte ich ein paar Millionen übrig oder würde ich einen größeren Fond leiten, würde ich dort groß investieren. Ist beides zum Glück nicht der Fall.

Und so gingen die zwei Monate in Neuseeland zu Ende. Die beiden Schweden bekamen von ihren Eltern für ihre letzten beiden Tage in Auckland ein 5-Sterne-Hotel spendiert (Stamford), völlig unnötig und übertrieben, wir machten wie immer das Beste daraus und feierten dort einfach weiter.

Von Neuseeland bietet es sich ganz gut an, eine der nicht weit entfernten Südseeinseln zu besuchen, zum Beispiel Fiji oder Tahiti. Die Flüge von Neuseeland bzw. der klassischen Südsee weiter nach Osten, also auf den amerikanischen Kontinent, sind aber oft sehr teuer und müssen weit im Voraus gebucht werden. Dazu kommt, dass diese Inseln wirklich sehr teuer sind. Bei Hawaii hält sich das alles noch einigermaßen in Grenzen, und das sind ganz strenggenommen auch noch Südseeinseln, von all den anderen Vorzügen ganz zu schweigen. Deshalb ist Hawaii mein nächstes Ziel. Gerade sitze ich im Flieger (380 Euro mit Air New Zealand), der Donnerstags morgens in Auckland gestartet ist und am Mittwoch abend in Honolulu landen wird. Die Datumsgrenze macht dieses kleine Kuriosum möglich. Bei deren Überflug hatte das Flugzeug auch leichte Turbulenzen. Es gibt zwei Sorten Weißwein und einen Rotwein. Vom offenbar schwulen Stewart erschäkere ich mir ein Gläslein nach dem anderen. Heute ein König.

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