Hawaii 3: Kauai

Seit über acht Monaten bin ich nun unterwegs. Das eine sehr lange Zeit. Ich bin bis oben hin voll mit Eindrücken von Natur, Kultur und Menschen. So sehr, dass ich gerade nichts mehr richtig aufnehmen und auch nicht mehr so richtig genießen kann wie vorher. Auch beim Planen von Unternehmungen bin gerade ich eher lustlos.

Ganz zu Beginn der Reise war sowieso alles super, dem Anfang wohnt wohl immer der schönste Zauber inne. Es kann aber sicherlich nicht nur das gewesen sein, denn der Zauber hat wirklich sehr lange gehalten. Was das Reisen einem geben kann, zumindest was es mir gibt, drückt vielleicht folgender Satz ganz gut aus, aus dem Buch „Der blaue Weg – Eine Reise nach Labrador“ von Kenneth White:

Vielleicht ist die Idee die, so weit wie möglich zu gehen bis ans Ende deiner Selbst – bis zu einem Territorium, wo die Zeit Raum wird, wo die Dinge in ihrer ganzen Nacktheit erscheinen und der Wind weht, anonym.

Am deutlichsten wurde dieser Zustand in Rajasthan (Indien) und auf der Südinsel Neuseelands, jedoch eigentlich auch immer mal wieder in allen anderen bisher bereisten „Territorien“. In Afrika wurde noch vieles vom Zauber des Anfangs überlagert (was die Zeit natürlich in keinster Weise weniger schön macht). Dieser Zustand, die Wirkung der Droge Reisen, kann durch Natur oder Kultur verursacht werden. Das vielleicht wichtigste Kriterium ist, dass man in ein unbekanntes, stabiles Gleichgewicht hineinkommt. Damit meine ich eine in sich stimmige Einstellung oder Sicht der Dinge, zusammen mit einer dazu passenden Lebensweise, die gut mit der Umgebung harmoniert.

In Indien war es die Gemeinschaft, das Spirituelle, die Freundlichkeit, die Verbindung nicht nur zu allen anderen Menschen, sondern zu allen Lebewesen, allen Pflanzen, Steinen, Ideen, allen existierenden Dingen eben.

In Pushkar hörte die Zeit für mich wirklich auf zu existieren. Dort schrieb ich einmal mit jemandem, der zu Hause gerade schon länger erfolglos einen Job suchte, und ein wenig Angst hatte, dass er vielleicht bald zu alt ist. Meine Reaktion war, dass er sich keine Sorgen deshalb machen sollte, es gäbe sowieso keine Zeit. Als Antwort erhielt ich darauf nur ein „Ach, Martin…“. Im Gleichgewicht des bürgerlichen Lebens, das ich nicht nur deshalb allen anderen immer noch bevorzuge, weil sich alle Menschen, die mir wichtig sind, in diesem befinden, in diesem also ist Zeit eben sehr wichtig.

An ein anderes Ende meiner Selbst kam ich in Neuseeland. Meist alleine, permanent körperlich herausgefordert, mit Kälte und Regen kämpfend, für genügend Nahrung sorgend, mit der Natur lebend – dieses Gleichgewicht war sehr weit weg vom bürgerlichen Leben und von der Zeit in Indien.

Gerade kann ich nicht so weitermachen wie bisher, es ist nunmal wie es ist. Ich bin überreist. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: nach Hause fliegen oder länger an einem Ort bleiben und bewusst Dinge tun, die nichts mit Reisen, Erkunden oder Entdecken zu tun haben. Über die erste Möglichkeit habe ich ernsthaft nachgedacht, hatte auch schon Flüge rausgesucht. So schnell möchte ich die Flinte aber doch nicht ins Korn werfen. Man kann ja in jedem Weltreiseblog nachlesen, dass es Zeiten ernsthafter Reisemüdigkeit gibt. Dazu kommt, dass ich wohl zu viel Sonne und Klimaanlagen hatte und mich deshalb seit fast zwei Wochen mit einer Erkältung rumplage. Dass es so lange dauert, schiebe ich aber eher auf die Überreistheit (diesen Ausdruck gibt es nicht im Lexikon). Deshalb bleibe ich, bevor es weitergeht, bis auf weiteres in einem relativ günstigen Hostel im Örtchen Kapaa und mache dort alles mögliche, was nichts (zumindest nicht direkt) mit Reisen zu tun hat (z.B. Spanisch lernen, ist sehr ratsam für Südamerika). Von Maui werde ich, anders als geplant, nichts mehr mitnehmen, dann eben beim nächsten Mal.

Ein wenig von der schönen Insel Kauai berichten möchte ich aber natürlich trotzdem noch. Es leben 60.000 Menschen hier, verteilt auf einige kleinere Ortschaften entlang der Küste.

Zu Kauai dazu gehört noch die kleinere Nachbarinsel Nihue. Dort haben nur Einheimische Zutritt, es leben dort noch etwa 200 echte Hawaiianer, die sogar hawaiianisch als Muttersprache sprechen. Mit Landwirtschaft wird ein wenig Geld verdient. Wie ich von jemandem erfahren konnte, besuchen viele Einwohner Nihues aber regelmäßig Kauai, insbesondere um Alkohol um Drogen zu besorgen. Man kann nur hoffen, dass das in einem unproblematischen Ausmaß geschieht.

Zurück zu Kauai. Ins Inselinnere kommt man eigentlich nur mit dem Flugzeug oder Hubschrauber, die Straße zum Canyon ist eine Ausnahme. Durch Trampen kommt man sehr gut voran. Vom Flughafen in der „Hauptstadt“ Lihue dauerte es nur zwei Minuten, bis mich ein freundlicher Mann in Richtung Kapaa mitnahm, ca. 15 Kilometer weiter nördlich. Eigentlich lag mein Hostel nicht auf seiner Route, er fuhr mich trotzdem bis vor die Haustür. Überall auf der Insel laufen wilde Hühner und krähende Hähne herum, sogar auf den Gräbern auf dem Friedhof. Dazu kursiert die Geschichte, dass es mal einen Wirbelsturm gab, bei dem viele Gehege kaputt gingen, und seitdem gibt es eben diese ganzen freilaufenden Hühner. Die Lebensmittel auf der Insel sind hier relativ teuer, das nervt auf Dauer ziemlich. Günstig bekommt man zumindest Obst, Gemüse und, wer hätte es gedacht, Eier auf Märkten. Die Litschies sind sehr lecker.

Mit einer Gruppe von Leuten aus dem Hostel ging es zum Waimea Canyon in den Westen der Insel. Besonders daran sind die vielen Farben, hauptsächlich rot, grün und braun, die sich mit der Sonneneinstrahlung in kürzester Zeit ändern können. Entlang der Straße gab es mehrere Aussichtspunkte. Vom ersten Aussichtspunkt sah es so aus:

Weiter die Straße entlang kamen wir an einem unwirklichen Bachlauf vorbei, umrahmt von rotem Sand. Die Quelle des Bachs war oben auf einem Hügel, mitten in üppiger Vegetation. Um uns herum flog der Orignial „Angry Bird“.

Vom nächsten Aussichtspunkt sah der Canyon gleich ganz anders aus. Von hier war auch ein riesiger Wasserfall zu sehen. Von einer Stelle aus hatte man einen schönen Blick auf die Insel Nihue.

Am Ende der Straße war dann der Kalalau Aussichtspunkt. Von dort hatte man eine wunderschöne Sicht auf die Hügel und Täler des Kalalau Parks. Dort, in fast 1700 Metern Höhe, ist auch einer der regenreichsten Orte der Erde. Als wir da waren, hat es zum Glück nicht geregnet. Ein paar Meter weiter konnte man die üppige Vegetation des Landesinnern überblicken und sehr ungewöhnlichem Vogelgezwitscher zuhören. Ganz in der Nähe befindet sich auch eine Abhörstation des Militärs. Vielleicht war ja Edward Snowden dort stationiert (er kopierte die Daten während seiner Zeit auf Hawaii).

Vom Waimea Canyon ging es weiter zum Polihale Strand (alles noch am selben Tag). Auf dem Weg fährt man an Raketenabschussstationen der US-Armee vorbei. Ganz bestimmt sind dort auch Atomraketen stationiert, die Amis wären ja blöd, wenn sie ihr westlichstes Territorium nicht entsprechend nutzen würden. Die geteerte Straße endet ca. acht Kilometer vorm Strand, den restlichen Weg geht es über eine Piste voller Schlaglöcher. Nur eines unserer beiden Mietautos, ein kleiner Nissan, durfte diese befahren, und so quetschten wir uns sechst dort hinein.

Der Polihale Strand ist wirklich wunderschön, fast menschenleer. Die Hawaiianer glauben, dass ihre Toten von dort ins Jenseits starten. Kann man sofort nachvollziehen. Die Wellen waren sehr kräftig, man wurde einfach so um- und mitgerissen. An manchen Stellen war das Wasser nach einer kräftigen Welle nur noch 20 Zentimeter tief, nachdem man vorher hüfttief drinstand. Ein Franzose verletzte sich auch gleich an der Schulter. Bei mir war es ein wenig spektakulärer, wobei ich auch gern darauf verzichtet hätte: mit einer der Wellen bekam ich eine Quallententakel ab. Ich wusste gar nicht, was auf einmal los ist, plötzlich war es so, als würden tausend kleine brennende Nadeln in Rücken, Brust, Arme und Hände reinstechen. Dann sah ich eine Art dünnen Faden mit in gleichmäßigen Abständen aufgesetzten blauen Punkten darauf, der sich um mich herumgewickelt hatte. Es war nicht leicht, diesen Mist wieder wegzubekommen und brennte immer stärker. Zum Glück war der Franzose in der Nähe. Hatte man ein längeres Stück entfernt, zog sich der Faden mit den Punkten auf nur noch ganz kleinen Raum zusammen. Zu Beginn brannte es immer stärker und ich sah aus, wie mit einer Peitsche verprügelt. Was, wenn das nun eine giftige Qualle ist? Das wäre mal ein Abgang gewesen, vor allem an diesem Ort. Die anderen beruhigten mich, wenn es giftig gewesen wäre, wäre ich schon lange tot. Das Brennen lies dann langsam nach, die Abdrücke waren noch ein paar Tage zu sehen. So genoss ich den Sonnenuntergang, der dadurch noch schöner wurde, dass ein Teil von mir immer noch fürchtete, es sei der letzte.

Zwei Tage später machten wir uns zu dritt wieder auf, um an dem Strand zu campen. Ein Teil des Weges fuhren wir mit einem Mietauto, das Schlussstück dann auf der Ladefläche eines Pick-ups. Nachts am Strand machten wir Feuer, unser Nachbarcamper brachte uns Kokosnüsse rüber, die wir sogar relativ leicht aufbekamen. Die anderen beiden gingen nach einer Nacht schon wieder, ich blieb noch eine weitere Nacht alleine, leider von der Erkältung etwas mitgenommen. Wieder flogen Angy Birds herum.

Am nächsten Tag ging es dann durch dreimaliges Trampen wieder zum Hostel nach Kapaa, von wo ich mich seither nicht fortbewegt habe (siehe oben). Auf dem Weg hielten wir beim Russischen Fort an. Interessant, dass die Russen mal auf Hawaii waren. Übrigens haben die Russen den US-Amerikanern Alaska im 19. Jahrhundert quasi geschenkt. Wie der kalte Krieg wohl verlaufen wäre, hätten sie das nicht getan? Und wie mächtig wäre Gazprom in diesem Fall heute? Der sonst ganz blaue Fluss neben dem Fort war an diesem Tag tiefrot, im Inselinnern regnete es die Nacht zuvor nämlich sehr heftig. Auch das Meer war deshalb rot gefärbt. Am Polihale Strand bekamen wir keinen Tropfen ab.

 

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