Kolumbien 3: El Cocuy Nationalpark

Die letzten Tage waren mal wieder ganz anders, etwas surreal und äußerst aufregend. Zeitreise inklusive. Und das ist die Reportage dazu. Von Villa de Leyva ging es mit dem Bus weiter Richtung Nordosten zum El Cocuy Nationalpark. Hier die Route bisher ab Bogota:

Ungefähr die Hälfte der Strecke war nicht asphaltiert, weshalb es nur sehr langsam voranging. Es ging auf und ab, wohl nie tiefer als 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Immer wieder durchfuhren wir neue Täler, die von dramatischen Bergen begrenzt waren. Die Ausblicke waren wundervoll. Unten in den Tälern befanden sich kleine Dörfer, mit jeweils höchstens wenigen Tausend Einwohnern. Im Zentrum war immer eine schöne Kirche. Diese war manchmal sehr groß geraten, so dass wohl das ganze Dorf darin Platz findet. Alles wirkte dort ruhig und gemächlich. Die Männer trugen einen Hut und die typischen südamerikanischen Umhänge gegen die Kälte. Gefehlt hätten noch Cowboystiefel, verbreitet waren aber eher Gummistiefel.

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Mein Ziel war das Dorf El Cocuy, das erfreulicherweise ganz typisch war für die Region. Dort blieb ich zwei Nächte und erledigte ein paar Dinge für den Besuch des Nationalparks El Cocuy, der bis zu 5300 Meter hohe, schneebedeckte Berge beheimatet. Für den Park muss man sich offiziell registrieren (18 Euro) und einem Ranger genau seinen Plan erklären. Ich hätte nie gedacht, dass das in Kolumbien so geordnet abläuft und dass man sich hier so sehr um die Sicherheit der Besucher kümmert. In Neuseeland war man viel mehr auf sich alleine gestellt.

Ein Besuch im Nationalpark El Cocuy läuft typischerweise so ab. Um sechs Uhr morgens fährt vom Dorfplatz in El Cocuy der Milchwagen los, genannt El Lechero. Auf dessen großer Ladefläche kann man für ganz wenig Geld mitfahren, Touristen wie Einheimische, die damit meistens größere Einkäufe in die abgelegenen Gegenden bringen. Der Milchwagen fährt die Weideflächen der Kühe ab. Meistens stehen dort die Bauern schon mit ihrer frisch gemolkenen Milch bereit, welche dann vom Cheffe auf der Ladefläche in große Fässer geleert wird. Manchmal gibt es dafür direkt Geld auf die Hand, manchmal gab es auch kein Geld, das muss dann irgendwie anders geregelt sein. Die noch warme Milch dampft in den Fässern vor sich hin. Auf dem Wagen hinten war es sehr kalt. Nach ungefähr einer Stunde erreicht man dann den Vivero del PNN, eine Kreuzung, von wo aus man zwei Kilometer bis zu einem Kontrollpunkt laufen muss. Dahinter beginnt ein Abschnitt des Nationalparks.

Übernachten kann man hier nun entweder auf einem Campingplatz oder in einer der drei Cabanas. Im Sommer campen die meisten Leute. Da El Cocuy südlich des Äquators liegt, ist dort gerade, im Juli, Winter, und deshalb regnet es viel. Da bieten sich eher die Cabanas an. Diese sind einfache Hütten, meist mit Duschen, und dort werden auch Mahlzeiten angeboten, wenn man sich nicht selbst versorgen will. Eine der Cabanas ist mehr eine Jugendherberge und bietet sogar warmes Wasser, mit Strom aus Wasserkraft.

Ich bin in die allereinfachste Cabana hineingeraten, die von Miguel Herrera. Sie liegt auf 3900 Metern Höhe. Das war wie eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert, oder noch weiter zurück. Miguel lebt dort alleine mit seinem Hund, zwei Pferden, ein paar Hühnern und hundert Schafen auf der Weide. Frau und Kinder sind in El Cocuy beziehungsweise in Bogota zum Arbeiten oder Studieren. Es gibt keinen Strom und kaltes fließendes Wasser nur aus einem Schlauch, aus einer Quelle weiter oben angezapft. Auf dem Grundstück gibt es zwei kleine Häuslein, oder eher Hütten mit Steinmauern, mit Holztüren. Im einen befindet sich die Küche, wo auf einer offenen Feuerstelle gekocht wird. An der Decke hängen Speck, Schinken, Käse und Brot, in der Ecke stehen zwei große rosa Salzblöcke: einer für das Salz zum Kochen, der andere für die Tiere, an dem sie immer mal wieder für ihren Nitrathaushalt lecken dürfen. Das andere Steinhäuslein gegenüber ist zweigeteilt, ein Schlafraum für Miguel (und seine Frau, wenn sie zu Besuch ist), der andere für die Gäste. Die drei Betten, Matratzen und Bezüge darin sind uralt. An mehreren Stellen regnet es dort ein wenig hinein, auch auf zwei der Betten. Ein wenig abseits steht noch das Klohäuschen, mit einer richtigen (d.h. westlichen) Toilette drin, wo die Spülung aber nicht funktioniert. Die Toilette wurde wohl irgendwann auf das Plumpskloloch einfach aufgesetzt. Die Plastikteile in der Küche, das Klo und der Schlauch mit fließendem Wasser sind hier die einzigen „modernen“ Details. Das alles kann man aber auch leicht durch einfachere Dinge ersetzen, und schon ist es original wie im 19. Jahrhundert. Wobei es auch das 13. Jahrhundert sein könnte, oder das fünfte Jahrhundert, wenn man sich alles noch ein wenig einfacher denkt, wie z.B. die Töpfe oder die Kleidung von Miguel. Miguel lebt freiwillig so. Er interessiert sich überhaupt gar nicht für „moderne“ Dinge wie Radio, Fernsehen, Zeitung, Handy und Glühlampen. Das bringt seiner Meinung nach alles nur Probleme, die er hier oben alle nicht hat und deshalb sehr zufrieden ist, wie er sagt.

In diesem Tal wollte ich zwei Tageswanderungen machen, deshalb blieb ich zwei Nächte dort. Ich war der einzige Gast, die wenigen anderen Touristen waren alle in der Jugendherberge. Es war wirklich eine Erfahrung. Nachts war es bitterkalt und zog ein wenig, ich war froh um meinem (im Vergleich natürlich nur) hypermodernen Schlafsack und meine ultramoderne Thermowäsche. Miguel bekochte mich überraschend gut auf der Feuerstelle. Zum Frühstück hab es zunächst Kartoffelsuppe mit Zwiebeln und Ei, dazu schwarzen Kaffee (Tinto) mit viel Zucker. Danach gab es ein eiskaltes Brötchen und einen Wasserkakao. Es hat geschmeckt und machte fit für die Wanderungen. Zum Abendessen gab es jeweils gekochtes Rindfleisch, was sehr lecker war, ein paar Stücken Tomate, und dazu einmal Pommes und Nudeln und das andere Mal Reis. Nach dem Essen roch ich immer nach Lagerfeuer. Vier Wochen zuvor war ich noch in San Francisco, in der Hyperzivilisation. Mehr Gegensatz geht nicht.

Nun zu den Wanderungen. Am ersten Tag ging es (ohne Führer) auf flacher Strecke durch ein gewaltiges Tal hindurch an mehreren Lagungen vorbei, unter anderem der Laguna Cuadrada und der Laguna Panada. Das Tal wird vom wilden Rio Lagunillas durchflossen. Es war kalt, regnete immer wieder, zwischendurch gab es auch mal leichten Hagel. Immer wieder gab es aber gute Blicke auf die schneebedeckten Campanillas Negro & Blanco, sowie auf die unteren Stücke des Pan de Azucar (Zuckerbrot) und des Pulpito del Diablo. Deren Spitzen sollte ich erst drei Tage später sehen. Vom Prinzip erinnerte das an Tasmanien, hatte jedoch einen ganz eigenen Charakter.

Am zweiten Tag war geplant, zum Pulpito del Diablo hochzusteigen, bis auf 4800 Meter. Der Pulpito ist ein großer rechteckiger Felsblock, der von der Natur direkt auf die Spitze eines Berges gesetzt wurde. Der Weg dahin ist größtenteils nicht markiert und nicht ganz einfach, man kann die Wanderung nur mit einem Führer machen, in meinem Fall mit Miguel selbst. Drei Wochen vorher ist ein junger Kolumbianer hier verschwunden, im Sommer taucht bzw. taut er schon wieder auf, meint Miguel. Er war ohne Führer unterwegs. Mit den Führern, die alle hier leben, sei noch nie etwas passiert.

Morgens um sechs Uhr, bei Sonnenaufgang, war Abmarsch. Der Weg ging auf der anderen Seite des Tals entlang, bald steil nach oben. Zusammen mit der Höhe war es sehr anstrengend, weniger für die Beine wie sonst, als für den ganzen Körper. Belohnt wurde das Ganze durch tolle Felsformationen, zusammen mit Schnee und wunderbaren Ausblicken, unter anderem auch wieder auf die Lagunen.

Das eigentliche Ziel, von wo aus man wahrscheinlich auch den wolkenverhangenen Pulptio gesehen hätte, erreichten wir aber leider nicht. Etwa eine Stunde vorm Ziel mussten wir eine ca. 15 Meter lange, schmale, vereiste Stelle überqueren. Auf der einen Seite waren Felsen, an denen man sich aber nicht richtig festhalten konnte, auf der anderen Seite ging es in einer Mischung von Schnee und herausragenden Felsen mehrere hundert Meter relativ steil nach unten.

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Für Miguel war es kein Problem, er lief mit seinen Gummistiefeln einfach drüber. Mir war es viel zu heikel. Das Profil meiner Schuhe ist nicht mehr das Beste, ich konnte überhaupt nicht abschätzen, ob ich auf dem schmalen Weg ist rutschen gerate. Ich konnte auch nicht richtig einschätzen, ob Miguel die Lage richtig einschätzen kann. Dort den Hang herunterzurutschen hätte ganz schlimm ausgehen können. Ich kam ca. ein Drittel des schmalen Weges weit, weigerte mich dann aber weiterzugehen und wir kehrten um. Im Gegensatz zu Flugzeugen und Hängebrücken, wo ich immer ein wenig (unbegründete) Angst habe, hatte ich hier nicht mal Angst oder war nervös. Es war nach fünfminütigem Nachdenken einfach klar, dass es völlig unsinnig ist, so ein Risiko einzugehen, nur um einen dämlichen Felsen aus der Nähe zu besichtigen. Puh. Nach mehr als sieben Stunden kamen wir fix und foxi wieder in der Cabana an. Auch der Hund, der uns die ganze Zeit begleitete, legte sich erstmal hin.

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Abendessen gab es um 16 Uhr, danach meinte Miguel, jetzt wäre ja alles erledigt und wir könnten schlafen gehen. An einem Samstag Abend um 17 Uhr, das wird wohl für immer mein Rekord bleiben. Was soll man auch sonst machen, wenn es dunkel und kalt wird.

Die zwei Tage bei Miguel kosteten mich insgesamt 65 Euro, davon alleine die geführte Wanderung 30 Euro. Wären andere Touristen dabeigewesen, wovon ich eigentlich ausgegangen war, hätten sich die 30 Euro geteilt. Früh morgens ging es dann los ins nächste Tal des Nationalparks. Um sieben Uhr hätte ich wieder mit dem Milchwagen fahren können, dazu hätte ich aber schon wieder um sechs Uhr loslaufen müssen. Da ich an dem Tag eh nichts vorhatte, lief ich einfach die zehn Kilometer mit meinem ganzen Gepäck zur nächsten Cabana. Meist ging es bergab und so dauerte es nur zwei Stunden.

Die nächste Cabana, die Hacienda La Esparanza, war schon eher wie ein normales Hotel oder Hostal. Insbesondere gab es eine warme Dusche, die erste seit drei Tagen. Das Essen war nicht so gut wie bei Miguel. Ich war der einzige Gast und musste mir deshalb schon wieder die geführte Tour alleine leisten, wieder 30 Euro. Gelohnt hat es sich aber wieder. Zusammen mit Octavio, ca. 40 Jahre alt und professioneller Bergführer, ging es in Richtung der Laguna Grande de la Sierra, also der größten Lagune im Nationalpark, auf 4600 Meter. Am Anfang kamen wir an einer Kuhherde vorbei, denen Octavio Salz mitbrachte. Dann ging es durch ein schönes, langezogenes Tal hindurch, durch das mehrere kleine Flüsse und Bäche fließen, die sich an manchen Stellen rauschend vereinigen. Von dort hätte man eigentlich schon wieder den ollen Pulpito sehen müssen, aber wie die Tage zuvor waren Wolken dazwischen. Irgendwann ging es nur noch nach oben, es war schon etwas leichter als die Tage zuvor, ich hatte mich also scheinbar an die Höhe gewöhnt. Übrigens habe ich die ganze Zeit nichts von der Höhenkrankheit gespürt. Die Landschaft wurde langsam immer karger und steiniger. Unter einem Felsvorsprung war ein Campingplatz, wo ein kolumbiansches Pärchen zusammen mit einem Führer übernachtet hatte. Sie waren schon den vierten Tag unterwegs und mit Bergsteigerausrüstung ausgestattet. Nachts schliefen sie wegen der Kälte immer nur ungefähr drei Stunden. Weiter auf dem Weg tauchten zuerst kleine Lagunen auf, es ging über schneebedeckte Felsen und wurde sehr kalt und windig. Irgendwann erreichten wir die Laguna Grande, was einen tollen Blick bot. Miguel baute einen Schneemann und bekleidete ihn mit der kolumbianischen Flagge. Von hier aus kann man im Sommer noch 500 Meter weitergehen, jetzt im Winter ist das wegen den unberechenbaren Gletscherspalten leider nicht möglich.

Auf dem Rückweg verzogen sich die Wolken und endlich war der Pulpito zu sehen, mit dem Pan de Azucar im Hintergrund. Wundervoll.

Nach insgesamt siebeneinhalb Stunden, mit nur einer kurzen Pause, erreichten wir wieder die Hacienda. Mein Plan war ursprünglich, am nächsten Morgen um acht Uhr den Milchwagen bis runter ins Tal zu nehmen. Jedoch wäre ich dann erst um 16 Uhr wieder in El Cocuy beim restlichen Teil meines Gepäcks gewesen. Das dauerte mir alles viel zu lange, obwohl ich gerade eher langsam reise. Also ließ ich mich von Octavio in einer abenteuerlichen einstündigen Fahrt, den Berg hinunter, mit dem Motorrad nach El Cocuy bringen (17 Euro). Nach kurzem Restaurantbesuch wartete dort schon der Nachtbus wieder zurück nach Bogota, zum Flughafen, an dem ich morgens um 4 Uhr ankam.

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