Kolumbien 4: Minca und La Guajira

Für nur 40 Euro konnte ich einen Billigflug (mit Viva Colombia) von Bogota nach Santa Marta im Norden von Kolumbien ergattern. An Kolumbiens Karibikküste herrscht ein ganz anders Klima als im Hochland im Zentrum des Landes. Es ist heiß und die Luftfeuchtigkeit drückt. Dementsprechend sind hier auch die Einheimischen und die Touristen anders.

Santa Martas Flughafen ist sehr klein. Geht man aus dem Gebäude und über die Straße, steht man direkt am Strand. Die Stadt ist laut, etwas schmutzig und ein wenig gefährlich. Schon im Bus in die Stadt beschloss ich, hier nicht zu bleiben, sondern lieber in Taranga, einem kleinen Ort nicht weit entfernt, zu übernachten. So stieg ich aus dem Bus, und der Bus hinter uns fuhr direkt nach Taranga. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind wirklich sehr gut und einfach zu benutzen. Obwohl es keine Fahrpläne und Haltestellen gibt, wartet man nie lange und kommt schnell ans Ziel.

Taranga ist berühmt dafür, dass man hier die günstigsten Tauchkurse der Welt machen kann, der Anfängerkurs kostet nur 180 Euro. Außerdem ist es bekannt für endlose Feiern mit billigem Koks und Rum. Ansonsten ist es ein Dreckloch und die Leute sind unfreundlich. So zumindest mein Eindruck nach 40 Stunden ohne Schlaf. Übernachten musste ich in einem schlimmen Hostal direkt neben einer lauten Bar.

Am nächsten Morgen ergriff ich die Flucht ins schöne Minca. Dieses kleine Dörflein liegt auf ca. 600 Metern Höhe in den Bergen hinter Santa Marta im Dschungel. An jedem Tag war es wie am allerschönsten Sommertag, den man sich vorstellen kann. Tagsüber hatte es 30 Grad mit leichter kühler Brise, nachts kühlte es gut ab. Das ideale Wetter und die Dauerbrise kommen daher, dass Minca zwischen den schneebedeckten Bergen der Sierra Nevada weiter oben und der Hitze von Santa Marta weiter unten am Meer liegt, so dass die kühle Luft nach unten strömt. Alles hier ist gut gewachsen, groß und stark, die Tiere, die Bäume und Pflanzen, die Früchte. Der Dschungel gibt allen mehr als genug. Moskitos gibt es fast keine. Manche Leute halten sich einen Tukan als Haustier. Diese Vögel sehen aus wie aus einem Spielzeugladen. Sehr schön ist auch, dass Hunde hier ohne Besitzer frei herumlaufen und einfach dazugehören. Einmal begleitete uns ein Hund den ganzen Tag lang bei einem Ausflug.

Im Dschungel in der Umgebung von Minca gibt es Kaffee- und Kakaoplantagen (der lokale Kaffee ist ein Traum), sowie viele Wasserfälle und natürliche Pools mit kühlem, klaren Wasser. Hervorzuheben ist hier der Pozo Azul, dessen Pools im Schatten riesiger Bäume liegen. Von den Wasserfällen kann man hier aus bis zu fünf Metern in die tiefen Pools springen. So blieb ich einige Tage in Minca und erfreute mich an einem Dasein ohne Raum, Zeit und Wetter. Denn all dies war so vorhanden, wie man es sich nur wünschen kann, wodurch es in den Hintergrund trat.

Schon bald aber rief wieder das Abenteuer. In der Nähe von Santa Marta liegt der Tayrona Nationalpark, ein relativ unberührtes Stück Dschungel, der ans karibische Meer grenzt. Mitten im Park liegt die Ciudad Perdida (Verlorene Stadt), die Überreste einer großen Anlage einer indigenen Hochkultur, die nach Ankunft der Europäer vernichtet wurde. Über Jahrhunderte war diese vergessen, erst im 20. Jahrhundert wurde sie wiederentdeckt. Erreichen kann man die Ciudad Perdida durch eine zweitätige Wanderung durch den Dschungel. Es ist teuer und man läuft in Gruppen mit bis zu zwölf anderen Touristen. Weiter an der Küste entlang, Richtung Osten, gibt es dann so Örtchen wie Palomino, wo man seinen Rum in einer Hängematte am Strand genießen kann. Ist alles sehr nett, ich ließ das aber alles links liegen.

Viel mehr Abenteuer versprach die Halbinsel La Guajira, die ganz im Nordosten Kolumbiens an Venezuela grenzt. Dort ist auch der Punta Gallinas, der nördlichste Punkt Südamerikas, ein weiteres Ende der Welt.

Der größte Teil von La Guajira besteht aus Wüste, mit heißer und trockener Luft. Dort leben die Wayuu, eine Art Nomadenvolk, die nie kolonisiert wurden und sich häufig erfolgreich an den Befreiungskämpfen des restlichen Kolumbiens beteiligten. Heute ist dort eine Art Niemandsland. Die Kolumbianer interessieren sich nicht für diese Region, es ist einfach zu abgelegen. Polizei und Militär waren auf dem Weg dahin kaum zu sehen, in der Wüste dann gar nicht mehr. Die Wayuu organisieren alles selbst und interessieren sich überhaupt nicht für Staaten oder Grenzen. Die lange Grenze nach Venezuela ist quasi offen, und so nehmen sie sich das Beste aus beiden Ländern. Das Bier, Polarcita, wird aus Venezuela geschmuggelt.

DSC08907 (Medium)

Weiter kommen Benzin und Grundnahrungsmittel aus Venezuela, das dort wegen der sozialistischen Organisation fast nichts kostet. Regelmäßig fahren Boote zwischen La Guajira und Aruba auf den Niederländischen Antillen, von wo Rum importiert wird. Im Gegenzug organisieren die Wayuu das kolumbianische Premiumprodukt für Venezuela und die Antillen: Kokain. Alles nicht legal, natürlich, aber irgendwie geduldet, weil sich einfach niemand für La Guajira und die Wayuu interessiert.

Von Santa Marta aus dauert es mit dem Bus ca. zehn Stunden, um nach Punta Gallinas zu kommen. Zunächst fährt man nach Riohacha, der Hauptstadt La Guajiras. Früher war hier das Ende der Reise Richtung Osten. Seit ca. 15 Jahren kommen ein paar wenige Touristen und es geht weiter. In Riohacha steigt man in ein Privatauto, das nach Uribia fährt, dem nächsten heißen Dreckloch. Entlang des Weges hat sich die Landschaft schon stark Richtung Steppe gewandelt, vom Dschungel wie um Santa Marta ist nichts mehr übrig. Im Hintergrund fehlen eben die Berge als Feuchtigkeitslieferant. Von Uribie geht es dann ins kleine Dorf Coba de la Vela, komplett ab vom Schuss, am Meer gelegen. Man fährt auf der Ladefläche eines Transporters mit. Dieser ist vollgestopft mit allem, was die Leute auf dem Weg so brauchen, Benzin, Ersatzreifen, Holzlatten, Ziegen, Hühnern, Nahrungsmitteln. Dauernd wird gehalten, Leute steigen zu und ab, Fracht wird auf- und abgeladen. Die zwei für die Ladung zuständigen Männer sind komplett verhüllt, auch mit Maske über dem Gesicht, um sich vor der Sonne zu schützen. Nach der Hälfte des Weges endet die asphaltierte Straße und man fährt einfach durch die Steppe. Leider konnte ich keine Bilder machen, es wäre unpassend gewesen.

Nach fast drei Stunden kommt man dann in Coba de la Vela an. Dort leben vielleicht tausend Menschen. Die Häuser sind entlang des Strandes angeordnet, so dass der Ort sehr langgezogen ist. Zur Mittagszeit ist es sehr heiß, die Luft staubtrocken, niemand ist auf der Straße zu sehen, alles wirkt wie ausgestorben. Ich übernachte ganz am Ende des Ortes in einer Kitesurfschule. Im Laufe des Tages kamen noch ein paar andere Touristen dazu. Der Wind in dieser Gegend bläst rund um die Uhr sehr stark und geräuschvoll. Immer piekst aufgewirbelter Sand an den Beinen, manchmal bekommt man auch eine Ladung ins Gesicht ab. Der Wind liefert beste Bedingungen fürs Kitesurfen. Ansonsten gibt es noch einen Leuchtturm und einen schönen Strand zu besichtigen. In den wenigen Restaurants gibt es nur Fisch oder Ziege zur Auswahl. Für nur sieben Euro bekommt man einen riesigen, äußerst leckeren Hummer serviert.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr ging es dann mit nur einem anderen Touristen, Daniel aus Cali in Kolumbien, nach Punta Gallinas. Wir wurden in einem Allradwagen abgeholt, und mit diesem ging es in einer abenteuerlichen Fahrt mitten durch die Steppe, die immer mehr zur Wüste wurde. An Pflanzen waren nur noch Sträucher und Kakteen zu sehen. Immer wieder sah man kleine Siedlungen mit vielleicht fünf Häusern, in der Nähe sprangen ein paar Ziegen und manchmal eine Kuh herum. Da wir über Privatgelände fuhren, wurden wir regelmäßig von Einheimischen angehalten, die die Straße mit Seilen absperrten, und mussten ein paar Groschen Gebühr bezahlen. Manchmal versperrten auch Kinder die Straße. Je nach Laune fuhr der Fahrer einfach hupend durch, oder hielt an und gab den Kindern Süßigkeiten. Die Haare einiger Kinder waren oben orange, ein Zeichen für Mangelernährung, wie mir Daniel erklärte. Das Auto hatte venezulanisches Kennzeichen. Die Fahrer erzählen ganz offen, dass sie das Auto in Kolumbien gestohlen haben und es in Venezuela wieder „legalisierten“. Die Fahrt endete dann an einem Strand. Kurze Zeit später kam ein kleines Motorboot und wir wurden mit den Touristen vom Vortag ausgetauscht. Nach kurzer Fahrt auf dem Meer erreichten wir Punta Gallinas, beziehungsweise die Häuser einer Familie, die auf dem recht großen Gebiet wohnt.

Nach einem miserablen Frühstück machten wir mit einem kleinen Bus eine Wüstentour, wieder vorbei an vielen Kakteen und wenigen kleinen Hütten mit Menschen drin. Zuerst ging es zum nördlichsten Punkt Südamerikas. Bis auf diese Tatsache ist dort aber nichts besonderes. Es gibt nicht einmal eine schöne Gedenktafel oder so etwas, wie zum Beispiel am Kap der Guten Hoffnung, sondern nur eine mittelmäßig bemalte Hauswand. Dann kamen wir an ein paar Klippen vorbei, hinter denen irgendwie wieder das Meer auftauchte. Große Wolken bewegten sich sehr schnell, und deren Schatten erzeugten wunderbare Aussichten. An einer anderen Klippe war ein kleiner Friedhof, der überhaupt nicht ins Bild passte. Das Highlight war dann aber eine sehr große Düne, die steil abfiel und dort direkt auf das Meer traf. Der Wind war immer noch sehr stark. Einige Zentimeter über dem Boden war deshalb der Sand permanent aufgewirbelt, was so aussah, als wäre der Boden in permanenter Auflösung. Ein Stück weg von der schönen Düne war der Strand leider voller angeschwemmtem Plastikmüll.

Das Essen auf La Guajira war fürchterlich. Sehr ölig, keine Früchte, sehr wenig Gemüse. So blieben wir hauptsächlich beim Bier.

Als Schlafplatz entschied ich mich, wie schon die Tage zuvor, für die günstigste und am Ende auch sauberste Variante, nämlich eine Hängmatte. Klingt toll, ist aber nur so mittelgut. Vor allem weil man von unten ganz schön auskühlt. Ein normales, spießiges Bett ist immer vorzuziehen. In der Nacht in Punta Gallinas mussten sich zwei Touristen so lautstark übergeben, und zwar von schlechtem Essen, das sie in Coba de la Vela zu sich genommen hatten, dass alle anderen Leute davon aufwachten. Sie hatten großes Glück, dass gerade ein Arzt mit Antibiotika im Gepäck auf Routinebesuch war, der nur einmal im Monat hier vorbeikommt.

Am nächsten Morgen ging es früh zurück wieder zurück nach Santa Marta, zum Rest meines Gepäcks. Es dauerte fast zehn Stunden mit dreimal umsteigen. Mitten in der Wüste hatte der Allradwagen eine Panne. Wir mussten auf ein anderes Auto mit Werkzeug warten, bis die Fahrer es reparieren konnten. Das andere Auto brachte auch gleich ein paar kühle Bier für die Fahrer mit, morgens um 9 Uhr. Angekommen in Santa Marta, konnte ich mich kaum noch bewegen vor Erschöpfung.

Am nächsten morgen Tag vergas ich meine DKB-Kreditkarte in einem Geldautomaten, und merkte es erst acht Stunden später. Das war wirklich blöd. Hier bekommt man nämlich zuerst sein Geld, und dann die Karte, so dass man diese leicht vergessen kann. So muss ich jetzt erstmal mit meiner anderen Karte auskommen, wo das Abheben Gebüren kostet. Andererseits könnte der Zeitpunkt zum Verlieren der Karte aber kaum besser sein. In einer Woche liegt eine neue Karte zu Hause im Briefkasten, und in drei Wochen bekomme ich Besuch aus der Heimat und kann mir die neue Karte mitbringen lassen.

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