Peru 1: Von Santa Rosa nach Iquitos

Von Leticia ging es mit dem Schiff weiter auf dem Rio Amazonas in die Stadt Iquitos in Peru. Dies ist die größte Stadt der Welt, die nicht an ein Straßennetz angebunden und nur per Flugzeug und Schiff erreichbar ist.

Man hat zwei Schiffe zur Auswahl. Zunächst das Schnellboot, das für die 480 Kilometer Strecke nur 10 Stunden braucht und 70 Euro kostet. Hat man mehr Zeit, so wie ich, dann kann man ein langsameres Schiff nehmen, für nur 20 Euro. Verpflegung ist inklusive, eine Hängematte, in der man schläft und auch sonst viel Zeit verbringt, muss man selbst mitbringen (10 Euro auf dem Markt in Leticia, Made in Brasil). Darüber, wie lange das langsame Schiff genau braucht, gibt es im Internet und auch vor Ort unterschiedliche Angaben. Mein Schiff namens „El Gran Diego“ startete abends um 20 Uhr in Santa Rosa, Peru, was eine kurze Taxibootsfahrt von Leticia entfernt ist, und erreichte 60 Stunden später, morgens um 8 Uhr, den riesigen Hafen von Iquitos. Es dauerte also drei Nächte und zwei Tage.

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Vor der Abfahrt muss man nochmal zum Flughafen in Leticia, um sich dort in Kolumbien ausstempeln zu lassen, und danach in Santa Rosa zur peruanischen Immigration, um sich in Peru einzustempeln. Das Immigrationsbüro in Santa Rosa hat keine Öffnungszeiten, es ist in das Haus des Beamten (ca. 25 Jahre alt) integriert und geöffnet, wenn er da ist. Bei mir dauerte die Prozedur ca. 45 Minuten. Nicht weil es eine Warteschlange gab, sondern weil mich der nette junge Mann im Detail über alle meine Reisen ausfragte. Tickets für das Schiff gibt es dann auf dem Schiff selbst.

Im Hostal traf ich noch zwei andere Gringos aus Melbourne, die dasselbe Schiff nehmen wollten, und war erstmal froh, nicht alleine zu sein. Wir waren die einzigen drei Ausländer. Was man nämlich auch liest und hört ist, dass den Gringos das Gepäck gestohlen wird, Duschen und Toiletten seien unter aller Kanone, außerdem sei das Essen schlecht und unterwegs gäbe es nichts zu kaufen. Auf meiner Reise war das alles nicht so, im Gegenteil. Es war wunderbar, vor allem die Leute.

Um 16 Uhr erreichten wir die „Anlegestelle“ in Santa Rosa, das Schiff sollte hier um 17 Uhr ankommen und um 20 Uhr losfahren. Wie immer gibt es hier kein Schild und äußerlich deutet nur wenig auf eine Anlegestelle hin, aber alle Einheimischen wissen, dass das Boot hier abfährt. Also machten wir es uns gemütlich und kauften am benachbarten Stand erstmal eine eiskalte Inka-Kola (gehört leider zu Coca-Cola). Dann fiel mir auf, dass ich keine Seile habe, um die Hängematte zu befestigen. Am Stand kurz nachgefragt, musste ich dazu fünf Minuten zu einem schwimmenden Supermarkt laufen und hatte sofort die Seile, für nur 1,50 Euro. Langsam wurde es dunkel und es warteten ein paar Leute mehr mit uns. Die ganze Zeit war es drückend heiß. Nach Sonnenuntergang zog ein heftiges Gewitter über uns hinüber, worauf es abkühlte. Um 18:30 Uhr, vom Schiff noch keine Spur, wurden am Stand neben uns Grills aufgebaut und zwei Frauen grillten äußerst leckere marinierte Hähnchen (2 Euro). Es war nicht leicht, sich ein gutes Stück zu reservieren. Es war stockdunkel, die Zeit verging, vom Schiff war nichts zu sehen. Nichts, was hier irgendjemanden nervös machen würde.

Um 19:50 Uhr kam das Schiff dann, die Passagiere stiegen zu und es wurden noch ein paar Waren ausgetauscht. Wir suchten uns auf dem obersten Deck ein nettes Plätzchen um die Hängematten zu befestigen. Das Gepäck zwischen uns, war alles sicher und problemlos. Insgesamt gab es zwei Decks, auf denen die Hängematten schön aufgereiht befestigt werden, und ein paar wenige, enge 4er-Kabinen. Dazu gibt es fünf Kabinen mit Duschen und Toiletten, nicht gerade Ritz-Carlton, aber nichts, was ich nicht schon öfter erlebt hätte. Mit Flip-Flops ist es sowieso egal, ob die Dusche sauber oder schmutzig ist. Das Wasser kommt aus dem Amazonas. Eine größere Küche auf dem unteren Deck bereitete die inklusive Verpflegung zu. Von den lachenden Köchen bekommt man das Essen direkt an die Hängematte gebracht. Es ist nicht schlecht, Reis mit Kartoffel oder Nudeln und Bohnen und einem Stück Fleisch oder Fisch. Nur eben immer dasselbe. Morgens gibt drei trockene Teigringe mit süßem, flüssigem Reisbrei, auch nicht schlecht für die Umstände. Oben bei uns gibt es eine Art Kiosk, wo man auch frisch zubereiteten Fisch kaufen kann. Leider ist der Kaffee fürchterlich. Das Essen wird auf Plastikschalen serviert, einige Leute warfen diese danach einfach in den Fluss, obwohl es Mülltonnen gab. Nachts wurden aber einfach die Mülltonnen in den Fluss gekippt.

Und so vergeht die Zeit (genauer: es gibt hier keine Zeit), es ist nie langweilig. Man kann lesen, mit den Leuten reden oder einfach aus dem Fenster schauen. Eine Familie hat einen kleinen Affen dabei, ein Mann einen Kanarienvogel. Trotz Trockenzeit und niedrigem Wasserstand ist der Amazonas unglaublich breit, mit unzähligen Nebenflüssen. Man sieht oft fliegende (also springende) Fische, sonst aber eigentlich keine Tiere, außer einmal ein paar Affen auf einem Baum und Delfine (Rosados) zum Luftholen. Entlang mancher Abschnitte stehen an beiden Ufern in regelmäßigen, kurzen Abständen Häuser, meist einzeln, immer mal wieder kleinere Siedlungen. Zwischendurch gab es auch mal Stromleitungen. Entlang großer Uferabschnitte waren aber keine Spuren von Menschen zu sehen.

An fast allen größeren Dörfern, mit vielleicht 200 Einwohnern, machten wir halt, um Leute ein- und aussteigen zu lassen und vor allem Waren auf- und abzuladen, meist Bananen und Fisch. Manchmal hielten wir auch, um nur eine einzige Person aussteigen zu lassen. Toll, dass das hier so ist. Eine weitere Variante ist, dass kleine Boote mit der Ladung neben uns herfahren, und wir das Tempo kurz drosseln, bis alles verladen ist. Der Hebekran wurde von Hand bedient, die Männer waren sehr muskulös.

Bei den längeren Stops kamen immer Verkäufer aufs Boot, mit kalten Getränken, warmen Fischgerichten, Süßigkeiten und Obst, alles spottbillig. Zum Kauf müsste man nicht mal von der Hängematte aufstehen. Einmal gab es unglaublich leckeren frischen rohen Amazonasfisch mit Kartoffeln, roten Zwiebeln, Kartoffeln und Nüssen, da warf ich alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen über Bord. Wenn in den nächsten Jahren eine unbekannte Krankheit bei mir ausbricht: er hat rohen Fisch aus dem Amazonas gegessen.

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Interessant ist es natürlich auch, die Dörfer ein wenig zu erkunden. Dabei ist immer ein wenig Aufregung dabei, ob das Schiff ohne einen weiterfährt. (Selbst wenn, man könnte am nächsten Tag einfach das nächste Schiff nehmen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass man sein vollständiges Gepäck am Hafen in Iquitos unter dem schallendem Gelächter der Einheimischen irgendwo abholen könnte.) Es sind alles ganz normale Dörfer, mit Straßen und aus Indien importierten Rikschas, die aber eben nur per Boot zu erreichen sind. Es gibt Kirchen, Schulen, Hotels, Restaurants und die Läden sind voll mit Waren. Beim ersten Stop im Chimbote kamen peruanische Grenzbeamte aufs Schiff und ließen sich von allen die Pässe zeigen. Unser Gepäck wurde genauer kontrolliert. Alles lief sehr freundlich ab.

Auf dem obersten Deck ist ganz vorne die kleine Steuerkabine mit Old School Steuerrad. Es gibt einen Kapitän und zwei Steuermänner, die sich im Laufe des Tages und der Nacht abwechseln. Mit denen bin ich gleich ins Gespräch gekommen, wie immer mit Fußball: Chile gegen Peru im Halbfinale der Copa America, das war ja was, und natürlich Deutschland gegen Brasilien, das Dauerthema. Dass der Peruaner Claudio Pizarro der erfolgreichste ausländische Torschütze der Bundesligageschichte ist, weiß hier niemand, alle freuen sich sehr, wenn ich es erzähle. Dann ließen sie mich auch ans Steuer von „El Grande Diego“, fast eine Stunde lang lenkte ich den Kahn. Man muss sich gut konzentrieren und immer wieder nachsteuern. Das Schiff fährt meistens in der Nähe eines Ufers, weil dort die Strömung ein klein wenig geringer ist als in der Mitte des Flusses. Manchmal fährt man über größere Baumstamme drüber, dann muss man die Schiffsschrauben kurz ausmachen. Eine offizielle Lizenz kostet 200 Euro, man muss einen Kurs von 15 Unterrichtstagen absolvieren.

Hier in der Gegend gibt es auch eine Art Jehova-Sekte, deren Frauen man an den Nonnenschleiern erkennt, und dass sie sonst normal angezogen sind. Will man eine solche Frau heiraten, muss man einen Monat lang seine ganze Arbeitskraft in den Dienst ihres Dorfes stellen, und darf danach sechs Tage lang nichts essen.

Am frühen Morgen des zweiten Tages wurde ich von einer Ladung Wasser im Gesicht geweckt: es stürmte, blitzte und regnete in Strömen. Das Schiff ankerte am Ufer. Also schnell raus aus der Hängematte und die Fenster zugemacht. Am Boden näherte sich Wasser meinem Gepäck. Ich hätte es in der Hängematte in Sicherheit bringen können. Zum Glück war das nicht nötig, der Regen ließ bald nach. Den ganzen Tag war es viel kühler als am Tag zuvor. Am nächsten Abend gab es auch wieder ein starkes Gewitter, diesmal aber mit weniger Regen. Nachts kühlte es so stark ab, dass ich den Schlafsack brauchte.

Gerade sitze ich in Iquitos in einem netten franzöischen Cafe. Man bestellt ganz modern auf iPads. Die Touristin neben mir hat sich vertippt und lässt nun ernsthaft einen Cappuccino zurückgehen. Im Amazonas. Das darf ja wohl nicht wahr sein. Es wird langsam aber sicher wieder drückend heiß. Draußen fließt der Amazonas vorbei. Iquitos wirkt wie eine ganz normale Stadt, man merkt nicht, dass man mitten im Amazonas ist. Später geht der Flieger nach Lima. Dort treffe ich Susanne, mit der ich die nächsten drei Wochen in Peru unterwegs bin. Danach ist meine große Reise zu Ende und es geht zurück nach Hause.

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